Liebe, Leiden, Labsal

13. August 2009, 17:05
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Die Pop-Band The Smiths erfand 1983 wie nebenbei den Soundtrack für alle Gefühlsseligen und Beladenen

Die ersten The-Smiths-Songs bekam man einfach übergeworfen - wie Schwimmreifen, die das abgesoffene "Ich" ein letztes Mal aus dem schwankenden Meer des viel zu früh begonnenen Erwachsenenlebens (lustlos angetreten in den Plastik-Jahren 1983/1984!) noch einmal epochal herausfischten. Die Reifen waren schon deshalb verbeult, weil sich Morrisseys bedrohlich nölender Gesang ("... and the people stare ...") aus eingeschmolzenen Kassettenrekordern in ägäische Lüfte erhob.

The Smiths, wurde man von irgendeinem Zimmer-Intellektuellen während der Maturareise unterwiesen, seien der "neue, heiße Scheiß" in London. London kannte man, lieblos zugebrachter Sprachurlaube wegen, ganz gut: Man war, im vergleichsweise idyllischen West-Norwood untergebracht, ins nahe Brixton hinübergetaumelt. Breit grinsende Rastafaris hatten einem auf die kontinentale Schulter geklopft. Du trägst, oh Würstchen, einen Motörhead-Badge? Das wird, Bruder, schon noch werden!

Und dann diese Kunstsängerstimme eines gewissen Steven Morrissey, der vorgab, a) sexuell nicht zu verkehren, weil das reine Zeitverschwendung sei, und b) kein Fleisch zu verzehren, weil das "mörderisch" sei. Es bedarf daher einer Singles-Box, um daran zu erinnern, dass die größte britische Band seit den Beatles den Pop (nicht "Britpop"!) von den vermieften Füßen wieder auf den Kopf gestellt hat: Unbehagen, in Verse und Spruchzeilen umgegossen; Einsamkeit, ihrer Weinerlichkeit entkleidet, mit Würde beschenkt und von dem unvergleichlichen Gitarristen Johnny Marr mit einem Jingle-Jangle zugedeckt, das man von den Byrds her zu kennen meint, oder von Nick Lowe (Pub-Rock): Bullshit! Marr zerlegt Melo-dramen bloß in schlicht modulierende Akkordfolgen. Er verschiebt hallunterlegt auf dem Griffbrett, wenn sein Ober-Mufti Morrissey die Grundrechte für alle Gefühlsüberbegabten einklagt: "I am human and I need to be loved ...".

Morrissey ist heute der größte weiße Popstar des denkenden Menschen (keine Diskussion!). (Marr spielt heute Licks auf lauwarmen Pet-Shop-Boys-Alben.) Die Singles-Box The Smiths - Singles Box enthält, erraten, zwölf Singles, die als Cover-Motive z. B. Jean Marais zeigen, der seinen Narcissus-Spiegel umarmt, oder Truman Capote, der in Tanger bis an die Decke hüpft. Wir waren irgendwie dabei, als der Kapitalismus 1983-86 von geschmackvollen Dandys gestürmt wurde. Es waren die besten Zeiten: Von Hand In Glove bis Bigmouth Strikes Again. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.8.2009)

 

The Smiths - Singles Box (Warner)

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    Morrissey kommt in die Jahre, altert aber nicht.

     

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