Die Angst des Moorhuhns im August

12. August 2009, 19:25
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Am PC werden Moorhühner kaum mehr gejagt - in Großbritannien aber umso mehr: auch heuer wieder

Moorhühner müssen sich in Acht nehmen. Denn seit Mittwoch geht es ihnen wieder an den Kragen. Gemeint sind aber nicht die Hühner jenes Computerspiels, das lange für Produktionsausfälle in Büros sorgte, sondern das Original, "Lagopus lagopus scotica" oder: schottisches Moorschneehuhn. Für diese Vögel beginnt nun der Kampf ums Überleben: Am "Glorious Twelfth" genannten 12. August startet in Großbritannien die Saison fürs Moorhuhnschießen.

"Feinstes Schießen der Welt"

Es ist dies ein zentraler Tag im Kalender der britischen Aristokratie. Jagdgäste aus der ganzen Welt haben sich angemeldet. Hedgefonds-Manager hoffen durch einen erfolgreichen "shoot" auf den gesellschaftlichen Aufstieg. Russische Oligarchen haben Schlösser gekauft, um sich Reviere zu sichern: Die Jagd aufs Moorhuhn, das durch rasanten Steig- und unberechenbaren Zickzackflug den Schützen zu entkommen sucht, gilt als "das feinste Schießen der Welt".

Außerdem schmeckt der Vogel delikat. Das Datum für den Beginn der Knallerei ist seit 1831 gesetzlich festgelegt. Ein ungeschriebenes Protokoll gilt für die Jagdgäste: Wer in neuer Kluft antritt, kann sich ein Schild "Neureicher" umhängen, denn Tweedanzüge und Wachstuchjacken müssen abgegriffen aussehen. Und wenn sie strenger riechen als der Jagdhund: umso besser. Schützenkollegen anzuschießen gilt als Versehen - doch wehe dem, der Treiber oder Jagdhelfer erwischt. Der frühere Innenminister Willie Whitelaw etwa verpasste einem Freund eine Schrotladung in den Hintern ("Sorry!"), aber verletzte zugleich einen Heger ("Shocking!"). Fortan ließ er sich nicht mehr bei der Jagd blicken.

Vom Herzog angeschossen

Napoleon-Bezwinger Lord Wellington kannte weniger Skrupel: Er soll auf der Jagd tödlicher als auf dem Schlachtfeld agiert haben. Als er auf dem Gut der Lady Shelley die Frau eines Pächters anschoss, wurde diese von Lady Shelley kalmiert: "Dir ist eine Ehre widerfahren. Du darfst dich preisen, dass dich der Herzog angeschossen hat." Teurer Spaß Ein billiges Vergnügen ist die Moorhuhnjagd nicht. Rund 150 Pfund kostet der Abschuss eines Moorhuhnpaares. Für eine Gesellschaft von acht Schützen kommt ein Tag so leicht auf 15.000 Pfund (17.500 Euro). Freilich vermeidet man heute die Exzesse von früher: Lord Walsingham schoss 1888 auf Blubberhouse Moor in der Grafschaft Yorkshire an einem Tag 1070 Hühner.

Doch auch heute werden in den 800 Jagdrevieren in Nordengland und Schottland pro Saison rund 1,6 Milliarden Pfund umgesetzt - und heuer sind die Moorhuhnfreunde besonders froh: Der Bestand ist ein Viertel höher als im Vorjahr. Anders als bei Fasanen, die speziell gezüchtet werden, ist das beim Moorhuhn nicht möglich. Wenn die ersten Hühner vom Himmel fallen, beginnt auch ein zweiter Wettbewerb: Welches Restaurant wird die Vögel als erstes anbieten? Es ist vorgekommen, dass Kuriere per Fallschirmabsprung Moorhühner anlieferten. Und 1997 brachte man die ersten Vögel von Schottland nach Heathrow - und eine Concorde flog sie nach New York. Dort konnten sie im Restaurant "Daniel" noch am gleichen Tag - dem glorreichen Zwölften - serviert werden. (Jochen Wittmann, DER STANDARD Printausgabe, 13.8.2009) 

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    Komm, kleiner bunter Vogel: Das echte Moorhuhn ist allerdings weniger farbig und schwieriger zu treffen als der legendäre Bildschirmvogel

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