Neue Sachlichkeit gefragt

12. August 2009, 19:18
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Im Fall Kampusch gibt es noch viel aufzuklären - besser ohne mediale Provokationen

Die Mitglieder der "Kampusch-Evaluierungskommission" haben recht: Sie haben tatsächlich keine Befugnisse, Natascha Kampusch hochoffiziell vor einer Gefährdung durch mögliche Mittäter Wolfgang Priklopils zu warnen. Die Kommission ist weder Exekutive noch Judikatur. Die Kommission soll Akten durchforsten, interpretieren, Empfehlungen an die Staatsanwaltschaft aussprechen - und sie kann etwaige Widersprüche aufzeigen und dafür öffentliches Bewusstsein schaffen. 

Fragwürdiger Stil

Letztere Aufgabe hat sie, unter dem Vorsitz des ehemaligen VfGH-Präsidenten Ludwig Adamovich, zur Genüge erfüllt. Zum Teil leider in fragwürdigem Stil: Mit der Interpretation, Kampusch sage wohl deshalb nicht die ganze Wahrheit, weil es ihr beim Entführer, im Vergleich zu daheim, relativ gut ergangen sei, hat sich der früher so zurückhaltende Adamovich selbst keinen Gefallen getan - und seiner rechtlich auf tönernen Füßen stehenden Kommission erst recht nicht. Es fragt sich, was er damit bezwecken wollte: dass ein schwer traumatisiertes Opfer mit einer solchen Provokation aus der Reserve gelockt wird und wunschgemäß Verbrecher ans Messer liefert? Und was meinte, kurz danach, der ehemalige OGH-Präsident Johann Rzeszut, als er in einem Massenblatt schrieb, Kampusch sei in akuter Lebensgefahr? Was sollte das bringen - außer etwaige Mittäter auf Ideen?

Trotz dieser medialen Entgleisungen ist es freilich unangebracht, Adamovich und Co als geltungsbedürftige Senioren zu diffamieren, die ihre Pension nicht verkraften können. Der "Fall Kampusch" birgt immer noch den Stoff, aus dem Legenden sind. Denn aufzuklären gäbe es genug. Dass Natascha Kampusch acht Jahre verschwunden blieb, hat sehr wahrscheinlich mit fatalen Ermittlungspannen zu tun. Hinweise wurden nicht oder nur halbherzig verfolgt, Zeugen wurde nicht geglaubt, Spuren nicht nachgegangen. Und als sich das Opfer aus seiner Gefangenschaft befreien konnte, hat die Staatsanwaltschaft den Akt mit mysteriöser Schnelligkeit geschlossen. 

Recherchen wurden eingestellt

Kampuschs (zum Teil sehr fragwürdige) Betreuer bekamen wichtige Einvernahmeprotokolle ausgehändigt, alle Recherchen wurden eingestellt - im Namen eines Opferschutzes, an den man sich, spät genug, wieder erinnerte. Der Fall Kampusch ist freilich nicht nur eine Frage des Opferschutzes: Der Rechtsstaat muss jedes Interesse daran haben, etwaige Mittäter und Mitwisser auszuforschen, einen möglichen Kinderporno-Ring auszuheben und aufzudecken, ob - was vonseiten mancher Ermittler immer wieder angedeutet wurde - auch etwaige hochgestellte Persönlichkeiten dabei waren. Und, so unpopulär und heikel das auch sein mag: ob Natascha Kampusch selbst die Wahrheit sagt oder wichtige Details ihrer Entführung wissentlich oder unwissentlich verschweigt. Sie selbst lässt über ihren Anwalt übrigens ausrichten, sie sei an einer Aufklärung höchst interessiert und stehe jederzeit zur Verfügung. Das tat Kampusch schon bisher - sie hat noch nie eine Befragung verweigert. Dass sie dabei befriedigende, plausible Antworten gab, ist damit noch nicht gesagt.

In einem Punkt ist Kampusch zuzustimmen: Es ist an der Zeit, dass man aufhört, sich Unfreundlichkeiten über Medien auszurichten. Einer der dubiosesten Kriminalfälle Österreich verlangt nach Aufklärung - im Interesse des Rechtsstaats und im Interesse des Opfers. Ohne eine neue Sachlichkeit, auf beiden Seiten, wird das wohl nicht möglich sein. Wenn die "Soko Kampusch" unter Leitung des Grazer Oberstaatsanwalts Thomas Mühlbacher nicht endlich transparent macht, was damals geschah, werden Spekulationen und Verschwörungstheorien wohl noch Jahrzehnte weiter blühen. (Petra Stuiber, DER STANDARD Printausgabe, 13.8.2009)

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