Zwischen Teufel und T-Shirt

12. August 2009, 17:35
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Der Choreograf Olivier Dubois in seinem vierteiligen, spektakulären Stück "Faune(s)"

Wien - Zu voller Blüte will der junge französische Choreograf Olivier Dubois die Geschichte des Fauns mit dem Schleier bringen, die 1912 in Paris unter dem Titel "L'après-midi d'un faune" für einen Skandal gesorgt hatte. Auf diese Arbeit von Wazlaw Nijinsky und den Ballets Russes bezieht sich Dubois' vierteiliges Stück "Faune(s)" nicht nur, es enthält auch ein Reenactment des Originals.

Olivier Dubois beginnt mit einem Video (Regie: Christophe Honoré), das ihn dabei zeigt, wie er versucht, mit vier Tennisspielern anzubändeln. Der berühmte Musenschleier verwandelt sich hier in ein T-Shirt. In dem Nachbau des Nijinsky-Stücks von Dominique Brun tritt Dubois in Faunkostüm und mit akkuratem Haarschnitt als fülliger Dionys auf, der den Faun imitiert. Teil drei zeigt ihn als waldhornbewehrten Jäger mit Monsterhandschuhen, der sich in eine missliche Stimmung tutet, brabbelt und schreit. Der sich in einen Satyr mit unheimlicher Maske verwandelt und schließlich - Teil vier - in einen pelzbemäntelten und gehörnten Satan, der das Bühnenland mit Krieg überzieht.

Am Nachmittag eines Fauns haben sich bereits einige Größen versucht. Der einstige Ballets-Russes-Tänzer Léonide Massine rekonstruierte es 1976, Claudia Jeschke mit Ann Hutchinson Guest 1989, und die Pariser Gruppe Le Quatuor Albrecht Knust in einer großartigen dokumentarischen Performance mit Boris Charmatz als Faun, die in Wien bei tanz2000.at zu sehen war. Interpretationen lieferten unter anderen Jerome Robbins, Jirí Kylián und Marie Chouinard. Dubois versucht eine Gradwanderung zwischen dokumentarischem Reenactment und fiktionalem Weiterbau.

Dubois und seine Künstlermitarbeiter, neben Honoré und Brun auch die Theaterregisseurin Sophie Perez, haben sich erkennbar mit dem Stoff auseinandergesetzt. Eine psychoanalytische Anspielung mit der Verpelzung des Fauns, der einen prekär wirkenden, einsamen Orgasmus erleidet.

Der Schleier der Nymphe hat sich in einen Venuspelz nach Sacher-Masoch verwandelt. Und das Fehlschlagen des Eros führt geradewegs in den Thanatos, den freudschen Todestrieb. Zwei Jahre nach der Uraufführung von "L'après-midi d'un faune" begann der Erste Weltkrieg. Der gescheiterte Faun repräsentiert sich auch in den Vergewaltigungen, die bis heute als perverse Kriegswaffen eingesetzt werden.

"Faune(s)" passt in den Trend zu spektakulären Arbeiten im zeitgenössischen Tanz, die das Publikum mit ihren lärmenden Auftritten zudröhnen und ihm keinen Platz für eigene Gedanken lassen. Diese autoritäre Geste hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.8.2009)

 

  • Olivier Dubois als Faun
    foto: impulstanz / patrick sagnes

    Olivier Dubois als Faun

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