Simon & Garfunkel aus dem Gurkenglas

12. August 2009, 17:10
posten

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis ruft mit seiner musikalischen Collage die melancholisch-träumerische Gefühlswelt der Hippie-Kultur wach. Riga anno 1968? Es war lustig!

Hallein - Wer sich einst in Riga Hippie nennen wollte, musste experimentierfreudig sein - oder Elektrotechniker. Denn um mit dem Flower-Power-Gedankengut des Westens in Kontakt zu kommen, waren halsbrecherische Antennengebilde vonnöten, die den Empfang freiheitsliebender Lieder jenseits der Baltischen See erst heimlich möglich machten.

In Alvis Hermanis' Sixties-Hommage The Sound of Silence kommen hoffnungsfroh pubertierende Mädchen vor allem deshalb zu den Burschen auf Besuch, um sich als bewegliche Strommasten anzudienen. Dass das leidenschaftliche Manöver mit dem Kabelsalat dann aber ein Lied aus dem Äther zaubert, das ausgerechnet Bye Bye Love heißt, ist einer jener kleinen, zart missglückenden Lebensmomente, die sich in Hermanis Alltagsstudien jeweils zu einem großen Bogen biografischer Splitter fügen. Die ganze Harmonie gibt's auch von Hermanis nicht, der sich selbst als Postdekonstruktivisten bezeichnet ("Wir müssen wieder beginnen, die Dinge zusammenzufügen" ).

Der lettische Regisseur, der mit seinen großformatigen, zugleich aber detailverliebten, meist materialschweren Inszenierungen in den letzten fünf, sechs Jahren auf einschlägigen Festivals auch im deutschsprachigen Raum die Schauwerte schlagartig in die Höhe schnellen ließ, kehrte heuer mit einer musikalischen Szenencollage auf der Basis von Liedern Simon & Garfunkels zu den Salzburger Festspielen zurück.

Vor vier Jahren noch hat er mit seinem Jaunais Rigas Teatris an selber Stelle den Young Directors Award für seinen komischen Revisor erhalten. Ab nächster Saison wird er am Burgtheater inszenieren (Eine Familie von Tracy Letts), bei den Bregenzer Festspielen gastiert demnächst seine Kölner Produktion Die Geheimnisse der Kabbala (ab 20. August).

The Sound of Silence hat anno 2007 als Koproduktion zwischen Riga und den Berliner Festspielen Uraufführung gefeiert - und landete nun, mit Kunst und Krempel, auf der Perner Insel in Hallein. Ausgewählter Unrat aus einem Dezennium Hippietum belagert die breite Bühnenfront. Sie könnte die Weiterentwicklung aus Hermanis' Pensionisten-WG-Meditation Langes Leben sein, die bereits 2004 bei den Wiener Festwochen gastierte.

Melancholische Lieder

The Sound of Silence ist ein Stück ohne Worte, das einen Rigaer Hippie-Traum in zuweilen surrealen szenischen Miniaturen erzählt. Sie sind tief durchdrungen vom historischen Glanz der melancholisch-schwärmerischen Lieder von Simon & Garfunkel, 25 an der Zahl - und mit Titeln wie Scarborough Fair über Bridge Over Troubled Water, El Condor Pasa oder April Come She Will war das Angebot an Sentiment einigermaßen prall dosiert. Hermanis ließ auch auf die Tube drücken: Mrs. Robinson.

Das von Kostüm- und Bühnenbildnerin Monika Pomale mit formvollendeter Sixties-Mode ausgestattete Ensemble (Gab es wirklich einmal Mondrian-Lackstiefel?) repräsentiert im Dauer-Auf-und-Abgehen sämtliche Blumenkinder-Typen: die Existenzialisten-Muse mit schwarzem Pony; den Studiosus mit Adorno-Brille (oder war es Tex Rubinowitz?); die Dicke mit den Puppenzöpfen, die nie einen abkriegt, aber eigentlich am besten küssen kann; den kühnen Hund mit Wuschelkopf (eine Art-Garfunkel-Reminiszenz), den dauerbekifften Jesus-Typen und sämtliche bezaubernde Jeannies, die leere Einmachgläser in ihre Turmfrisuren einbauen.

Dieses Panoptikum behauptet die Rigaer Hippie-Subkultur klar als Idyll, in dem Menschen fernab jeder unterdrückenden Gesellschaftsordnung ihren Spaß haben. Diese unpolitische Haltung wurde Hermanis bei der Uraufführung zum Vorwurf gemacht. Man kann es "Wohlfühltheater" schimpfen. Derlei offensiv Unkritisches sieht man im zeitgenössischen Theater wirklich selten. Allerdings spürt Hermanis bei aller Behaglichkeit dieses dreistündigen und dabei ziemlich redundanten Abends auch den leisen Dissonanzen der 60er-Biografien nach:

Junge Väter, die mit ihren neuen Rollenbildern Mühe haben; Eltern, die das Privatleben der frisch verheirateten Kinder zementieren; Biederkeit der Babyboomer und eine gar nicht so freie Sexualität im frisch gemachten Ehebett. Vor allem aber montiert Hermanis ein poetisch eindringliches, slapstickhaftes Bildgefüge, das sich traumversunken wie bei Lepage oder Marthaler abspult: Aus allem dringt dabei Musik. Eine Supermarktkassa wird zum Transistorradio. Wo ein Gurkenglas aufgemacht wird, kommt Simon & Garfunkel raus.

Damit haben die Salzburger Festspiele ihr Publikum beglückt: Ein leichter, schöner Abend, dem man lediglich eine Kürzung anraten muss. Langer Applaus. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.8.2009)

 

  • In Alvis Hermanis' "The Sound of Silence"  dringt Musik durch alle Ritzen
    foto: gint malderis

    In Alvis Hermanis' "The Sound of Silence" dringt Musik durch alle Ritzen

  • Sie bringt auch den Künstler in einer Hippie-Kommune im Angesicht der Badewanne zum Tagträumen
    foto: gint malderis

    Sie bringt auch den Künstler in einer Hippie-Kommune im Angesicht der Badewanne zum Tagträumen

Share if you care.