"Hausübung hat gegen 40 Fernsehprogramme keine Chance"

27. August 2009, 12:23
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Nachhilfe-Institute übernehmen oftmals die Aufgabe der Nachmittagsbetreuung - Neben Studierenden versuchen auch Junglehrer ihr Gehalt mit Nachhilfe aufzubessern

Ferienzeit ist für viele auch Lernzeit - Hochsaison also für Nachhilfe-Institute. "Fünfzig Prozent der Kinder, die zu uns kommen, bräuchten uns eigentlich gar nicht", ist Konrad Zimmermann dennoch überzeugt. Er ist Geschäftsführer der "Lernquadrate", die in Österreich an 50 Standorten Nachhilfe anbieten. Viele Eltern würden die Kinder nicht wegen schlechter Noten sondern zwecks Nachmittagsbetreuung zum Lernen vorbeischicken. "Es gibt viele Eltern oder Alleinerzieher, die am Nachmittag nicht zuhause sind und wissen, dass die Hausübung gegen 40 Fernsehprogramme keine Chance hat", sagt Zimmermann. Prophylaktisch würden die Kinder dann eben an einen Ort gegeben, "wo nicht nur Fernseher, sondern Menschen sprechen."

Nachhilfe und Unterricht beim selben Lehrer?

Dass die durchschnittliche Nachilfe-Stunde in Österreich rund 22 Euro kostet, wird da auch gerne in Kauf genommen. Geld spielt für die meisten Eltern keine Rolle. "95 Prozent unserer Kunden ist es relativ egal, wieviel es kostet", erzählt Zimmermann. Angst, dass den Nachhilfe-Instituten in Zukunft die Geschäftsgrundlagen abhanden kommen, falls eines Tages Lehrer dazu verpflichtet werden, gratis Nachhilfe zu erteilen, hat er jedenfalls nicht. Diese jährlich wiederkehrende Forderung des BZÖ kommentiert Zimmermann so: "Diesen Vorschlag nehme ich nicht ernst. Viele Eltern wissen ganz genau, was die Schule niemals leisten kann. Manche Schüler bekommen ja schon eine Leichenstarre, wenn sie nur in das Gebäude hineingehen." Er räumt allerdings ein, dass so eine Regelung für arme Familien in Österreich eine wesentliche Erleichterung des Familienbudgets mit sich bringen würde. "Das sind derzeit rund fünf Prozent aller Familien. Diese fünf Prozent sind auch jene, die leider normalerweise von einem Nachhilfeinstitut nicht bedient werden können, weil sie sich das nicht leisten können", sagt Zimmermann.

Manche LehrerInnen nützen die Ferienzeit, um sich mit Nachhilfe etwas dazuzuverdienen. Was halten Lehrer vom Vorschlag, künftig unentgeltlich die Schüler in den Ferien zu unterrichten? "Rein theoretisch ist der Vorschlag nicht blöd, weil es ja so ist, dass die Lehrer sehr viel Urlaub haben. Es ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, dass man das auf irgendeine Weise nützt. Praktisch gesehen, halte ich von dem Vorschlag eher weniger: Wenn ich meinen eigenen Schülern in den Ferien Nachilfe geben soll, dann ist das insofern nicht sinnvoll, als sie es ja im Unterricht auch schon nicht verstanden haben", sagt AHS-Lehrerin Ingrid Englitsch, die selbst auch in ihrer Freizeit privat Nachhilfe gibt. Warum? "Weil ich dort sehr schnell einen konkreten Erfolg sehe."

Studenten bevorzugt: "Chemie passt"

Die Junglehrerin Angelika Hauleitner unterrichtet Englisch und Spanisch am Gymnasium Klosterneuburg. Für sie ist die Nachhilfe Gelegenheit, um sich etwas dazu zu verdienen. Warum privat und nicht über ein Institut? "Weil das ganz einfach schlechter bezahlt ist." Vom Vorschlag, dass Lehrer Gratis-Nachilfe geben sollen, hält sie nichts: "Die Lehrer-Arbeit ist sowieso schon unterbezahlt. Gerade als Junglehrer sitzt man mitunter sehr lange an der Vorbereitung."

Dass ausgebildete Lehrer auch an Nachhilfe-Instituten unterrichten, ist eher der Ausnahmefall als der Regelfall. Die "Mobile Nachhilfe" setzt vorwiegend auf Studierende. "Schüler lernen lieber mit jüngeren Personen. Da passt die Chemie einfach besser", begründet das Geschäftsführer Thomas Kügerl. Bei den Lernquadraten unterrichten derzeit nicht nur Studierende; es finden sich auch einige Pensionisten, die vor sechs Jahren im Zuge der Pensionierungswelle in den schulischen Ruhestand gegangen sind, ihren Job als Lehrer aber nicht ganz aufgeben wollten. Zimmermanns Erklärung dafür: "Ein guter Lehrer ist abhängig von seiner Zuhörerschaft. Er braucht es auch weiterhin, dass jemand an seinen Lippen hängt." (edt/derStandard.at, 27.08.2009)

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