Krippen und Spielgruppen verbessern Schulerfolg langfristig nicht

12. August 2009, 14:08
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Entwicklungsvorsprung verschwindet über die Jahre - Besonders ausschlaggebend für den Schulerfolg ist der Ehrgeiz der Eltern

Zürich - Kinder sind laut einer Schweizer Studie in der Schule auf lange Sicht nicht besser, wenn sie in Krippen oder Tagesfamilien betreut wurden. Der Befund spricht aber laut den Autoren nicht gegen die familienergänzende Betreuung. Vielmehr müsse deren Qualität steigen.

Die Forscher um Andrea Lanfranchi von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich untersuchten Kinder, die in der Vorkindergartenzeit entweder aussschliesslich zu Hause bei den Eltern aufwuchsen, oder aber einen Teil ihrer Zeit in einer Krippe, einer Spielgruppe oder in einer Tagesfamilie verbrachten.

Eine erste Untersuchung hatte ergeben, dass die familienergänzend betreuten Kinder beim Schuleintritt weiter entwickelt waren: Die Lehrerinnen und Lehrer beurteilten ihre sprachlichen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten klar besser als jene von Kindern, die ganz im Kreis der eigenen Familie aufgewachsen waren.

Effekt verschwindet

Ein paar Jahre darauf untersuchten Lanfranchi und sein Team, ob dieser positive Effekt im Lauf der Schulzeit anhält oder nicht. Die Forscher befragten einen Teil der damaligen Teilnehmer, 429 Familien aus Winterthur und Locarno, und deren Lehrer noch einmal.

Es zeigte sich, dass die familienergänzende Betreuung nicht mehr viel zum Schulerfolg beitrug. Viel wichtiger waren andere Faktoren, insbesondere der Ehrgeiz der Eltern: Wenn Eltern für ihre Kinder mehr als einen Sekundarschul- oder Lehrabschluss anstreben, haben diese eine 12 Mal höhere Schulerfolgs-Wahrscheinlichkeit.

Auch der Bildungshintergrund der Eltern und die Nationalität beeinflussen den Erfolg in der Schule stark. Von den verschiedenen Betreuungsangeboten ausserhalb der Familie - vor und während der Schulzeit - scheint laut der Studie nur das Mitmachen des Kindes in einem Freizeitverein (Jugendgruppe, Sport, Musik) den Schulerfolg positiv zu beeinflussen.

Vorteile als Erwachsene?

Die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Studie und der Nachuntersuchung könne verschiedene Gründe haben, sagte Lanfranchi auf Anfrage. Zum einen sei es natürlich möglich, dass sich kleine Kinder dank Krippen oder Tagesfamilien rascher entwickelten, diesen Vorsprung aber im Lauf der Schuljahre wieder einbüssten.

Es sei aber auch möglich, dass die positiven Effekte nach wie vor existierten, aber von viel stärkeren Mechanismen überlagert würden, zum Beispiel von der überragenden Bedeutung der elterlichen Unterstützung der Kinder beim Lernen.

Ferner könnten sich die Vorteile im Erwachsenenalter wieder zeigen: US-Studien fanden nämlich, dass familienextern Betreute im Alter von 40 Jahren mehr verdienen und weniger kriminell sind.

Besser und früher bilden

Schliesslich waren in Lanfranchis Studie die Qualität und Intensität der Betreuung wohl nicht über alle Zweifel erhaben. Familienergänzende Betreuung sei nötig, aber sie müsse besser werden - und es brauche eine bessere Dosierung. Für jedes Kind müsse das richtige Mass an ausserfamiliärer Betreuung gefunden werden.

Gefragt seien nicht mehr Kinderkrippen mit dem primären Auftrag der Betreuung, sondern Institutionen, die den Kindern auch bei der sprachlichen und intellektuellen Entwicklung helfen. Und vielleicht müssten gerade sozial benachteiligte Eltern wie Immigranten noch früher unterstützt werden.

Die HfH habe deshalb soeben eine neue Studie begonnen, in der speziell ausgebildete Mütterberaterinnen Familien gleich nach der Geburt mit Hausbesuchen unterstützten. Davon erwarte er einen viel stärkeren Effekt als durch die Fördermassnahmen, die erst mit etwa
drei oder vier Jahren beginnen, sagte Lanfranchi. (sda)

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