Ein Fenster in die Urzeit

11. August 2009, 19:57
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Die Lebensgemeinschaften der nördlichen Adria bieten einzigartige Einblicke in Evolutionsprozesse, die vor mehr als 200 Millionen Jahren stattfanden

Der Golf von Triest in gut 20 Meter Wassertiefe: Der sandig-schlammige Meeresboden ist übersät mit Leben. Schwämme und Seescheiden wachsen klumpenartig mit Seeanemonen, Moostierchen und Muscheln zusammen, darauf sitzen Schlangensterne, die mit gestreckten Armen Plankton und organische Schwebstoffe einfangen. Artenvielfalt überall.

Fachleute bezeichnen diesen marinen Reichtum als Epifauna. Und sie gedeiht fast nirgendwo auf der Welt so üppig wie in der nördlichen Adria. Solche ungewöhnlichen Lebensgemeinschaften haben eine markante Ähnlichkeit mit denjenigen, die während des Paläozoikums - vor ein paar hundert Millionen Jahren also - in den damals ausgedehnten Flachmeeren unseres Planeten vorherrschten: ganze Seelilien-Wälder sowie Riffe aus Schwämmen und tentakeltragendem Getier.

Verschwundenes Bodenleben

Ihre Reste finden sich heute in Fossilien-Fundstätten. Seit der Kreidezeit aber begann dieses festwachsende Bodenleben langsam zu verschwinden. Es wurde zunehmend von Kreaturen abgelöst, die sich entweder über größere Strecken bewegten oder sich im Boden eingruben wie Borstenwürmer und zahlreiche Muscheln.

Experten haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder über die möglichen Ursachen dieser ökologischen Verschiebung debattiert. Hat die Evolution durch das Hervorbringen von Krabben und anderen gefräßigen Spezies die Epifauna dezimiert? Erstickte sie womöglich unter Sedimenten? Eine Gruppe von Wissenschaftern um den US-amerikanischen Geologen Frank McKinney glaubt, dass ein durch das zunehmende Einspülen von Nährstoffen vom Land her ausgelöstes Wachstum der Wasserpflanzen in Kombination mit steigendem Fraßdruck zum Rückgang der festlebenden Tiergesellschaften führte.

In weiten Teilen der nördlichen Adria würden jedoch vergleichbare Bedingungen herrschen wie in den seichten paläozoischen Meeren. Und so weise die dort lebende, moderne Epifauna einen urzeitlichen Charakter auf (vgl. The Sedimentary Record, Bd. 5, S. 4). Ihre Entwicklung wurde demnach vor allem durch Nährstoffarmut begünstigt. Ferner gebe es in dieser Ecke der Adria auch nur vergleichsweise wenige räuberische Tiere, die den typischen Epifauna-Arten zu Leibe rücken.

Soweit die gängige Theorie; der Paläontologe Martin Zuschin und der Meeresbiologe Michael Stachowitsch sind allerdings anderer Meinung. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Palaios (Bd. 24, S. 211) haben die beiden erfahrenen Adria-Forscher der Universität Wien nun ihre Sicht der Dinge veröffentlicht. Demnach haben McKinney und Kollegen einige wichtige Details nicht beachtet.

So ist etwa Nährstoffarmut wohl keine Voraussetzung für die erfolgreiche Ansiedlung von Epifauna-Arten, denn sogar in den sehr nährstoffreichen Mündungsgebieten der Flüsse Po und Isonzo werden eingespültes Geröll und auch im Wasser installierte Messgeräte bald mit Bewuchs überzogen. Offensichtlich brauche Epifauna nur festen Untergrund, um gedeihen zu können - zumindest in der nördlichen Adria.

Die Wiener Experten können aus eigener Beobachtung auch den zweiten Teil der McKinney-Theorie weitgehend widerlegen. Das adriatische Flachmeer ist für Epifauna-Organismen gewiss kein sicheres Refugium. Fressfeinde gibt es genug. "Zum Beispiel viele kleine Bodenhaie", erklärt Michael Stachowitsch im Gespräch mit dem Standard. Oder der Heuschreckenkrebs, "ein höchst effizienter Räuber". Für diese und diverse andere Spezies stellt die Epifauna einen reich gedeckten Tisch dar, doch offenbar wird Letzterer dadurch nicht wesentlich geschädigt. Was also könnte das wahre Geheimnis hinter der adriatischen Epifauna sein?

Besondere Lebensbedingungen

Zuschin und Stachowitsch vermuten, dass vor allem das Fehlen von starken Strömungen und Gezeiten, kombiniert mit Wassertiefen von weniger als 50 Metern optimale Lebensbedingungen für Moostierchen und Co schaffen. Auch immer wieder natürlich auftretender Sauerstoffmangel im unmittelbaren Bodenbereich würde die hochwachsenden Tiergesellschaften gegenüber eingegraben lebenden Arten begünstigen.

In Bezug auf den Untergang der paläozoischen Epifauna käme demnach folgende Ursache in Betracht: Durch das stetige Auseinanderdriften der Kontinente entstanden immer tiefere Ozeane. Großflächige Schelfmeere verschwanden dagegen weitgehend und mit ihnen die an seichte, ruhige Gewässer angepassten Lebensgemeinschaften.

Aber nicht überall. "Die Nordadria ist schon ein Sonderfall", schwärmt Michael Stachowitsch. Hoffentlich wird die gravierende Verschmutzung durch den Menschen nicht ihr Ende bedeuten. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 12.08.2009)

  • Schlangensterne und Seescheiden sind nur zwei der zahllosen Meeresbewohner der nördlichen Adria. Ihre besondere Artenvielfalt erinnert an die Fauna in den Flachmeeren des Paläozoikums.
    foto: michael stachowitsch

    Schlangensterne und Seescheiden sind nur zwei der zahllosen Meeresbewohner der nördlichen Adria. Ihre besondere Artenvielfalt erinnert an die Fauna in den Flachmeeren des Paläozoikums.

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