Vorsicht beherrscht Japan noch

11. August 2009, 19:37
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Nippons Wirtschaft wächst wieder, aber auf niedrigem Niveau - Angst vor Entlassungen

Japans Regierung und Notenbank warnen vor allzu großen Wachstumshoffnungen. Die Regierung verzichtete am Dienstag in ihrem monatlichen Wirtschaftsbericht erstmals seit vier Monaten auf eine Verbesserung ihrer Lagebeurteilung und hielt daran fest, dass die Wirtschaft trotz "Zeichen der Beschleunigung" in einer schwierigen Situation sei. Auch der Gouverneur der Bank von Japan, Masaaki Shirakawa, warnte: "Selbst wenn wir eine Erholung haben, glaube ich nicht, dass ihre Stärke eindrucksvoll sein wird."

Die Notenbank hielt daher den Zins bei 0,1 Prozent. Die Vorsicht von Japans oberstem Währungshüter ist ein Dämpfer für die Euphorie an der Börse. Angetrieben von der Hoffnung, dass Japans Wirtschaft sich nach einem beispiellosen Absturz V-förmig ebenso rasant erholt, trieb den Nikkei-Aktienpreisdurchschnitt nach wochenlanger Hausse auf ein neues Zehnmonatshoch. Der Nikkei stieg um 0,6 Prozent auf 10585,46 Yen.

In den Augen der Wirtschaftslenker vergessen die Anleger jedoch, dass das Japans Wirtschaft vielleicht das gröbste, nicht jedoch die Krise überstanden hat. Zwar gibt es kaum Zweifel, dass Japans Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um knapp unter ein Prozent höher ausgefallen ist als im ersten Jahresviertel und auch weiter wachsen wird. Denn die weltweiten Konjunkturpakete stabilisieren die Nachfrage und die Firmen haben ihre riesigen Lagerhalden abgebaut. Die Industrieproduktion ist in diesem Zeitraum daher so stark wie nie zuvor um 8,3 Prozent in die Höhe geschnellt.

Angst vor Entlassungen

Nur war sie in den sechs Monaten um 40 Prozent gefallen. Die Fabrikauslastung steigt damit gerade erst wieder auf den Tiefstand einer normalen tiefen Rezession, sagt Richard Jerram, Volkswirt der australischen Bank Macquarie. So lag die Autoproduktion im Juni immer noch um 30 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Zahlen wie diese treiben Managern, Angestellten und Wirtschaftslenkern die Angst vor Entlassungen in die Knochen. Bisher konnten eilig beschlossene Subventionen von Kurzarbeit und Fortbildungen Massenentlassungen von Festangestellten noch verhindern und den Anstieg der Arbeitslosigkeit von 3,8 Prozent im November 2008 auf 5,4 Prozent im Juni begrenzen. Inklusive dieser "versteckten Arbeitslosen" dürfte die Rate allerdings bei 12,3 Prozent liegen, rechnet die Investmentbank Nomura vor.

Der Traum von einer Belebung des Binnenkonsums und einer schnellen Erholung könnte daher rasch Ernüchterung weichen. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.8.2009)

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