Wenn die Armee zur Polizei wird

11. August 2009, 18:43
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Mörderjagd und CSI-Ermittlungen sind nicht nur Polizeiaufgabe - Im Ausland darf auch das Bundesheer Exekutivjobs übernehmen

Wien - Die Soldatin sitzt vornübergebeugt auf dem Feldbett, die langen schwarzen Haare über dem Gesicht, die Knie zusammengepresst. Immer wieder schlägt sie die blutverschmierten Hände vor dem Gesicht zusammen, wippt vor und zurück, während ein Mann in Schutzanzug mit einem Wattestäbchen eine DNA-Probe nimmt. Eine Probe, die beweisen soll, von wem die Frau vergewaltigt worden ist. Das Besondere: Der Ermittler ist kein Polizist, sondern Soldat - ein Militärpolizist. Und die Frau in Wahrheit wohlauf und Statistin bei einer Übung in Bruckneudorf.

Mit der Exekutive im Bundesheer ist es nämlich einigermaßen kompliziert. Es gibt die Militärstreife für die Einsätze im Inland und Militärpolizei (MP) für die Aufgaben im Ausland. Die naheliegende Idee, der gesamten Einheit den Polizeinamen zu geben, scheitert an der Tradition - und auch an den Bedenken des Innenministeriums, wie die Offiziere munkeln.

Der entscheidende Unterschied ist, dass die MP im Ausland viel mehr Rechte hat, nicht nur für Soldaten zuständig ist und daher auch andere Experten benötigt, wie zum Beispiel Spurensicherer. Eine für das Militär ganz wichtige Differenzierung gibt es noch: Statt weißer Schirmkappen hat die MP rote Baretts.

Manfred Meyer, stellvertretender Kommandant der seit 2007 existierenden, derzeit 360 Mann und Frau starken Einheit, umreißt das Aufgabenspektrum: "Es geht um den so genannten Security Gap, also die Zeit zwischen dem Ende der Kampfhandlungen in einem Land und dem Funktionieren der lokalen Polizeikräfte, die ja oft ausgetauscht werden müssen." Diese Lücke sollen die österreichischen Soldaten-Polizisten im Rahmen internationaler Einsätze schließen.

Auf dem Truppenübungsplatz Bruckneudorf sollen an diesem Tag 20 Männer und Frauen darauf vorbereitet werden. Ein zweites Szenario, neben der Vergewaltigung, ist alltäglicher: ein Verkehrsunfall. Die Annahme: Ein Heeresfahrzeug hat ein ziviles Auto gerammt, es gibt Schwerverletzte, die Militärpolizei wird verständigt.

"Wir versuchen, alles möglichst realistisch zu gestalten - mit brennendem Motor, scheinbar leblosen Darstellern und Glassplittern auf der Straße", erklärt der Übungsleiter. Dadurch entstehe Stress, was Folgen habe. "Gestern kam es dazu, dass eine Einheit komplett auf das Zivilfahrzeug konzentriert war und erst nach Minuten bemerkt hat, dass ein Heeresfahrzeug im Graben liegt."

"Alles beruht auf realen Fällen", versichert auch Meyer. Natürlich lasse sich nicht alles simulieren: "Bei einem echten Autounfall kann es schon passieren, dass man plötzlich von feindseligen Zivilisten umringt ist."

Amtssprache ist Englisch, was aufgrund der Beteiligung an internationalen Einsätzen nötig ist. Vier Stufen gibt es davon: Von der alleinigen Verantwortung der Österreicher für alle Polizeiaufgaben über gemischte Einheiten mit der lokalen Polizei bis zur Übergabe der Verantwortung. Die zivilen Kompetenzen der MP werden dabei in Verträgen festgeschrieben - was durchaus kompliziert werden kann. Wenn etwa die Polizeihaft vor Ort länger dauern darf als in Österreich, kann das Heer darauf bestehen, dass für seine Soldaten österreichisches Recht gilt.

Mit der Polizeiarbeit könne man im Bedarfsfall rasch beginnen, beteuert Vize-Kommandant Meyer. In drei bis fünf Tagen könnten die ersten Einheiten vor Ort sein. Und ermitteln. Im realen Fall der Vergewaltigung übrigens erfolgreich. "Das Gute setzt sich zum Glück doch oft durch", sagt der Offizier. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 12.8.2009)

  • Ein Militärpolizist spielt Lebensretter - der Crash auf der Landstraße
ist ein Übungsszenario bei der Ausbildung neuer Soldaten-Polizisten für
die Auslandseinsätze.

    Ein Militärpolizist spielt Lebensretter - der Crash auf der Landstraße ist ein Übungsszenario bei der Ausbildung neuer Soldaten-Polizisten für die Auslandseinsätze.

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