Gewalt nimmt kein Ende

11. August 2009, 18:43
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Tschetschenien: Bürgerrechtlerin Sarema Sadulajewa entführt und ermordet - Präsident Kadyrow spricht von Blutrache

Grosny/Wien - Die Mordserie an russischen Menschenrechtsaktivisten reißt nicht ab. Vier Wochen nach der Ermordung der Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa wurde die Chefin einer russischen Nichtregierungsorganisation in Tschetschenien tot aufgefunden. Sarema Sadulajewa, die die Organisation Spasjom Pokalenije (Wir retten die Generation) in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny leitete, wurde am Montag zu Mittag gemeinsam mit ihrem Mann, Alik Dschabrailow, aus ihrem Büro entführt.

Dienstag morgen wurden die Leichen von Sadulajewa und ihrem Mann im Kofferraum ihres am Straßenrand geparkten Ladas gefunden. Sie wiesen mehrere Einschusswunden auf. Laut Augenzeugen hatten fünf bewaffnete Männer, drei davon in Uniform, die beiden Menschenrechtler aus ihrem Büro weggebracht. "Die Männer haben sich nicht ausgewiesen, aber erklärt, dass sie Sicherheitsbeamte seien und haben Saremu und ihren Mann fortgeführt. Nach einiger Zeit sind sie zurückgekehrt und haben das Handy und das Auto ihres Mannes mitgenommen" , erzählte Alexander Tscherkassow, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Memorial, dem Radiosender Echo Moskwy.

Die Hintergründe der Tat sind noch im Unklaren. Die 2001 gegründete Organisation Spasjom Pokaljenie war nicht politisch tätig, sondern half verletzten und behinderten Kindern und Jugendlichen. Die Organisation kümmerte sich unter anderem im Auftrag der Unicef um die medizinische Behandlung und die Versorgung mit Prothesen von Minenopfern.

Die Liste der bisher ungeklärten Mordfälle mit Tschetschenien-Bezug wird damit immer länger. Erst Mitte Juli war die bekannte Menschenrechtlerin Estemirowa entführt und ermordet worden. Die Menschenrechtsorganisation Memorial, dessen Mitarbeiterin Estemirowa war, machte den umstrittenen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow für den Mord verantwortlich und stellte ihre Arbeit in Tschetschenien ein.

"Nun ist klar, dass die Arbeit in Tschetschenien für Menschenrechtsorganisationen unmöglich geworden ist. Das Risiko überschreitet alle Grenzen" , sagte Tatjana Lokschina vom Moskauer Büro von Human Rights Watch.

Während Kadyrow die erschossene Menschenrechtlerin Estemirowa abfällig als "Frau ohne Ehre, Würde und Gewissen" , die oft "dummes Zeug geredet" habe, bezeichnete, zeigte er sich über den neusten Mord "erschüttert" . "Dieser zynische und demonstrative Mord ist eine Kampfansage an die Gesellschaft, das Bestreben, jeden Bewohner einzuschüchtern" , sagte der Präsident laut Interfax. Der Ex-Boxer vermutete Blutrache als Tatmotiv, da Sadulajewas Mann früher in den Reihen der Separatisten kämpfte.

Auch die Kaukausrepublik Dagestan wurde am Dienstag von einem Mord erschüttert. Ein Lokalreporter wurde per Kopfschuss getötet. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2009)

  • In einem Sommercamp in Grosny lernen schwererziehbare Kinder Disziplin und Lektionen aus dem Koran.
    foto: epa/vakhayev

    In einem Sommercamp in Grosny lernen schwererziehbare Kinder Disziplin und Lektionen aus dem Koran.

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