Ruhig Blut, null Kontrolle

11. August 2009, 18:19
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Afrika als weißer Fleck, Labors angeblich nicht erreichbar - Von Fritz Neumann

Was ist diese Geschichte rührend! Sie handelt von einem afrikanischen Kind, das zehn, wenn nicht zwanzig Kilometer zur Schule laufen musste und nach dem Unterricht wieder nach Hause. Unzählige afrikanische Läuferinnen und Läufer haben sie als Teil ihrer Autobiografie anzubieten. Die Geschichte erklärt, wie der eine und/oder die andere in ganz jungen Jahren schon die Basis für eine Karriere im Spitzensport legte, und sie soll insgesamt die enorme Überlegenheit Afrikas auf den Mittel- und Langstrecken erklären. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking haben Afrikaner vom 800-m-Lauf bis zum Marathon alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, die Afrikanerinnen waren fast genauso gut.

Jetzt kommt eine zweite Geschichte dazu, sie ist auch nicht wirklich schlecht, und sie steht gerade rechtzeitig auf, da am Samstag in Berlin die Leichtathletik-WM beginnt. Der Weltverband (IAAF) hat zugegeben, dass auf diesem ganzen Kontinent (Afrika) und in diesem ganzen Jahr (2009) kein einziger Blutdopingtest durchgeführt wurde. Grund dafür soll sein, dass es in Afrika kein anerkanntes Labor gibt, das die Blutproben untersuchen könnte. Zur Erklärung: Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) verlangt, dass Blutproben bei vier Grad plus transportiert und innerhalb von 36 Stunden ins Labor geschafft werden.

Labors mit Wada-Zertifikat, die Blutkontrollen nach einem einheitlichen Verfahren untersuchen können, gibt es nämlich nur in Europa, sechs sind es an der Zahl, und in Nordamerika (zwei). Keines von ihnen will die IAAF von Afrika aus rechtzeitig erreichen können. Da würden sich Urlauber oder Geschäftsleute schön bedanken, wären sie, von wo auch immer in Afrika, länger als 36 Stunden unterwegs, etwa nach Wien-Schwechat, das vom anerkannten Labor in Seibersdorf dann nur noch einen Katzensprung entfernt wäre. Frage: Wie nahe an einem der acht Labors muss ein Athlet trainieren, um getestet zu werden? Feststellung: Davon, dass es sich mit Australien sowie großen Teilen Asiens und Südamerikas ganz ähnlich verhält wie mit Afrika, ist auszugehen.

Kein Wunder, dass sich anerkannte Dopingexperten vom Eingeständnis der IAAF völlig überrascht zeigen und die Situation inakzeptabel nennen. Tatsächlich dürfte den afrikanischen Läufern, die stets schon überlegen waren, im vergangenen Jahrzehnt ein ungeheurer Wettbewerbsvorteil entstanden sein. Mag sein, dass sich Läufer aus Europa, Amerika und Asien helfen können, indem sie selbst ihre Trainingslager in Afrika aufschlagen. Das tun auch immer mehr Athleten, die es sich leisten können. Jeder lobt das schöne Wetter, die Höhenlage, die starken Trainingspartner. Und keiner spricht davon, dass er in Afrika noch nie zu einem Blutdopingtest antreten musste. Längst ist bekannt, dass etliche leistungssteigernde, verbotene Mittel nicht im Urin, sondern allein im Blut nachweisbar sind, die modernen Cera-Präparate zum Beispiel.

Nur zum Vergleich: In Österreich hat die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) heuer schon 126 Blutdopingtests durchgeführt, mit insgesamt 150 bis 160 wird man das Jahr abschließen - wohl auch eine Folge des Turiner Dopingskandals 2006, nach dem man Österreich den Olympia-Ausschluss angedroht hatte. Afrika: null Tests. Der Skandal ist in Wahrheit größer als jeder klassische Dopingfall, der ja nicht nur Doping, sondern vor allem auch die Kontrolle impliziert. Nun zeigt sich, dass die Leichtathletik als zweite große Olympia-Sportart nach dem Schwimmen ein echtes Problem damit hat, streng zu kontrollieren. Wo bleiben die großen Drohgebärden der hohen Olympier? Das ist die Geschichte, die längst schon überfällig wäre.(DER STANDARD Printausgabe, 12.8.2009)

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