Fall Kampusch "ist noch lange nicht fertig"

12. August 2009, 09:50
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Mitglieder der Kommission verteidigen ihren Chef Adamovich: Der Entführungsfall sei noch nicht abgeschlossen, vieles spreche für Mittäter

Wien - Eigentlich will keiner den Hickhack im Fall Natascha Kampusch, dennoch wird beinahe täglich ein Schäuferl nachgelegt. Nach der Kritik am Leiter der Evaluierungskommission, Ludwig Adamovich, durch Rechts- und Medienvertreter von Natascha Kampusch stellen sich nun die anderen Mitglieder der Kommission öffentlich voll hinter Adamovich. Tenor: Es sei nicht auszuschließen, dass der Entführer Wolfgang Priklopil Komplizen gehabt haben könnte, Natascha Kampusch könnte sich deshalb in Gefahr befinden.

Wie berichtet, hat Adamovich, der für seine Besonnenheit bekannte Ex-Präsident des Verfassungsgerichtshofes, zuletzt immer wieder ungewohnt deutlich auf offene Fragen in der Causa aufmerksam gemacht. Und dafür prompt Kritik von Kampusch-Beratern einstecken müssen. "Psychologisch und medial unverantwortlich", hieß es zu Adamovichs Warnung.

Rudolf Keplinger, Leiter des Landeskriminalamtes Oberösterreich und ebenfalls Mitglied der Kommission, präzisierte dazu am Dienstag im Standard-Gespräch: "Wir sagen nicht, dass es Mittäter gibt, sondern dass vieles dafür spricht. Wir wollen, dass möglichst wenige Fragezeichen übrigbleiben." Bis zum Einsetzen der Kommission im Vorjahr jedenfalls seien die Ermittlungen "nicht in der notwendigen Dimension" geführt worden, kritisiert Keplinger.

Entemotionalisieren

Susanne Reindl-Krauskopf, Professorin am Institut für Strafrecht und Kriminologie und stellvertretende Kommissionsvorsitzende, will die Diskussion "entemotionalisieren". Aus der Erfahrung von anderen Entführungsfällen sei es durchaus möglich, dass unerkannte Mittäter ein ehemaliges Opfer unter Druck setzten. Also müsse im vorliegenden Fall "allen Fragen nachgegangen werden, auf die es noch keine befriedigende Antwort gibt": zur "Entführung als solcher", darüber, "was sich während der Zeit der Gefangenschaft abgespielt hat" sowie "wer aller außer Entführer Wolfgang Priklopil davon gewusst hat". Zu konkreten Ermittlungen wollten weder Reindl-Krauskopf noch Keplinger Stellung nehmen. Nach Informationen des Standard wird derzeit noch einmal mit Nachdruck eine Zeugenaussage von damals überprüft.

Wie berichtet hatte eine Mitschülerin beobachtet, dass Natascha Kampusch im März 1998 von zwei Männern entführt worden sei. Da sonst alle Angaben des Mädchens stimmten, könnte sich auch Kampusch selbst mit ihrer Aussage, es habe nur einen Entführer gegeben, möglicherweise geirrt haben. Auch die Bewegungen auf Priklopils Konto zur Zeit der Entführung werden noch einmal überprüft. Mehrmals war von 500.000 Schilling die Rede, deren Herkunft unbekannt sei.

Nerven wie Überseekabel

In der ZiB2 verteidigte am Dienstagabend ein weiteres Kommissionsmitglied, Kriminalpsychologe Thomas Müller, den Gang in die Öffentlichkeit. Adamovich, der "Nerven wie Überseekabel" habe, sei nach 16 Monaten ohne Reaktion auf die Vorschläge der Kommission eben der Kragen geplatzt. (Irene Brickner, Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 12.8.2009)

 

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    Drei der sechs Mitglieder der Kampusch-Kommission: Rudolf Keplinger, Johann Rzezult und Ludwig Adamovich (von links).

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