Sohn ersticht Vater: "Jetzt seid ihr frei!"

11. August 2009, 18:12
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Jahrelanger Familienstreit auf Bauernhof - Verteidiger plädiert auf Totschlag

Salzburg - Paul K. zeigt keine Regung. Der grauhaarige 53-Jährige beugt sich über seine Notizen und trägt den Geschworenen im Salzburger Landesgericht ruhig und sachlich seine Lebensgeschichte vor. Auch als er dem Gericht am Dienstag über den Morgen des 29. März berichtet, verzieht K. keine Miene. Er sei zuerst in sein Stammlokal gefahren und habe wie immer Soda-Zitron bestellt. Als er zurückkam, tötete er seinen Vater mit fünf Messerstichen.

Es war der tragische Höhepunkt einer jahrzehntelangen Familientragödie. Spätestens bei seiner Hochzeit im Jahr 1987 habe der Konflikt mit seinem Vater begonnen, sagte K. am Dienstag: "Er hatte immer etwas gegen meine Frau." Der Grund: Sie war keine Bäuerin. Im selben Jahr übernahm K. auch den elterlichen Hof im Anifer Ortsteil Niederalm. Seitdem sei zu Hause andauernd gestritten worden.

Nach fast zwei Jahrzehnten habe K. die "Erniedrigungen" durch seinen Vater nicht mehr ausgehalten, sagt er: "Ich trank täglich fünf bis neun Bier, das erste schon um fünf Uhr früh, vor der Stallarbeit. Ich war am Ende." 2007 habe er sich einen Strick um den Hals gelegt und sei eineinhalb Meter in die Tiefe gesprungen. Doch er hatte sich bei der Länge des Seils verrechnet. Seitdem habe er Antidepressiva genommen und nie wieder einen Tropfen Alkohol getrunken.

Am 18. März starb K.s Mutter. Der Altbauer weigerte sich, zum Begräbnis seiner eigenen Frau zu gehen. Einem Gast, der seinen Urlaub am Bauernhof der Familie verbrachte, soll er aufgetragen haben, zum Friedhof zu gehen und die Kranzschleifen am Grab der Altbäuerin abzuschneiden. Das Fass lief über.

Noch am Tag vor der Tat habe er an Selbstmord gedacht, sagt K. Als er in der Nacht aufwachte, habe er allerdings beschlossen, sich nicht umzubringen, "weil sonst meine Familie allein mit dem Spinner gewesen wäre". Stattdessen legte er sich ein Fleischermesser zurecht. Damit sei er am Vormittag zum Bett seines Vaters gegangen und habe ihn zur Rede gestellt. Als der Altbauer daraufhin zu brüllen begann, "ist in mir was vorgegangen". Er habe zum Messer gegriffen und zugestochen. "Jetzt seid ihr frei!", sagte er danach zu seiner Frau.

K.s Verteidiger plädiert auf Totschlag - sein Mandant habe "in einem Affektsturm" gehandelt. Für den Staatsanwalt war es Mord: "Warum brauche ich ein Messer, um die Ernsthaftigkeit meines Anliegens zu zeigen?" Die Geschworenen entschieden einstimmig auf Totschlag. Das Urteil: sieben Jahre Haft. Der Angeklagte und auch der Staatsanwalt legten Berufung ein. (Markus Peherstorfer, DER STANDARD Printausgabe, 12.8.2009)

 

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