Von der Wiege bis zur Bahre

11. August 2009, 18:10
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Zum Problem wird stereotypes Geschlechterverständnis dann, wenn es Männer in die einflussreichen, besser bezahlten Positionen hievt

Es beginnt im Gitterbett. Das Mädchen liegt unterm rosa Deckchen, der Bub ist in Himmelblau gehüllt. Sie findet eine Puppe unterm Christbaum, er packt einen Baukasten aus. In der Schule häkelt sie Topflappen, während ihr Bruder ein Holzauto bastelt. Später geht er ins Realgymnasium, die Schwester wählt den sprachlichen Zweig.

Natürlich wurde dieses Klischee, das jahrzehntelang Standard war, in jüngerer Vergangenheit verwischt. Doch beseitigt ist die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mädchen und Buben beileibe nicht. Das zeigen die Aufnahmetests an den Medizin-Unis, bei denen Frauen schlechter abschneiden als Männer. Weil sie als Schülerinnen offenbar in Mathe, Biologie und Co weniger gefördert wurden.

Ganz lassen sich die eingeprägten Erziehungsmuster wohl nie ausmerzen, und das ist auch nicht nötig. Plakativ gesagt: Fußball muss nicht zwangsläufig zum Frauensport werden - trotz jämmerlicher Auftritte des Männernationalteams. Zum Problem wird stereotypes Geschlechterverständnis dann, wenn es Männer in die einflussreichen, besser bezahlten Positionen hievt. Dass dies passiert, belegen Studien: Selbst hochqualifizierte Karrierefrauen werden in der Berufswelt - oft unbewusst - in "weibliche" Rollen gedrängt. Während der Kollege bei Firmenpräsentationen etwa das Zahlenmaterial zusammenstellt, sorgt sie halt für die Dekoration.

Gesetzliche Vorschriften wie Frauenquoten können da nur begrenzt etwas ausrichten, wenn der Wandel nicht in den Köpfen von Eltern und Lehrern beginnt. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2009)

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