"Die Kärntner Straße ist kein Feldweg"

11. August 2009, 17:59
87 Postings

Die Großbaustelle in der Wiener Innenstadt kostet die Händler bis zur Hälfte des Umsatzes

Wien - Meter für Meter tastet sich der mächtige Kranlaster durch den Menschenstrom. Kinderwägen rollen mit Scheibtruhen um die Wette, holpern über Schotter vorbei an mondänen Schaufenstern. Die dudelnden Walzerklänge in den Souvenirläden gehen im Dröhnen der Presslufthämmer unter. Die Kärntner Straße ist kein Feldweg, erklärt ein junger Polier aus den Tiefen der Baugrube. Man müsse höllisch aufpassen, um keine Touristen unter die Räder zu bekommen. "Ohne Begleitschutz läuft nichts", fährt er fort und deutet auf die Lastwägen.

"Da müssen wir einfach durch", wiederholt Johannes Fiebiger immer wieder und wieder, kramt unter einem Berg an Papier vergeblich nach Bauplänen, lässt es dann aber sein; es sei ja ohnehin alles anders gekommen. Fiebiger führt seit vielen Jahrzehnten ein kleines Souvenirgeschäft in der Wiener Innenstadt. Als Kind habe er davor noch Autos gezählt, sagt er. Um die Bagger zu zählen, die in den vergangenen Monaten in der Fußgängerzone vor dem Laden vorfuhren, hat er keine Muße. Er stehe allein im Geschäft, einen Angestellten könne er sich bei den Lohnnebenkosten und enormen Mieten nicht leisten.

Fertigstellung Mitte November

Seit Februar wird am Graben, in der Kärntner Straße und am Kohlmarkt kräftig umgegraben. Von den 51.000 neuen Steinplatten ist mehr als die Hälfte verlegt. Mitte November soll der Spuk vor dem Advent- rummel vorbei sein, versprechen mehrsprachige Infotafeln rund um die Großbaustelle, einer hat darauf "www.hoffnung.at" zart gekritzelt.

Die Arbeiten gingen an sich flott voran. Sein Umsatz sei seither dennoch um die Hälfte eingebrochen, seufzt Fiebiger. Dabei sei das Umfeld auch so schon hart genug. Die Touristen gönnten sich wenig Souvenirs oder blieben ganz aus, Ansichtskarten fielen Foto-SMS zum Opfer, allein Kühlschrank-Magnete seien ein sicheres Geschäft. Eine goldene Nase lasse sich mit Souvenirs nicht verdienen. "Sehen Sie sich doch die Seitengassen an, die sind selbst in der Innenstadt tot."

Ein paar Häuser weiter zwängen sich Kunden im Gänsemarsch über faltige Teppiche in Alexander Jansas Geschenkeladen. Seit 1840 hält seine Familie an dem Standort die Stellung, auch sein Sohn in sechster Generation will internationalen Ketten Paroli bieten. Die Großbaustelle sei eine starke Belastung, vor allem jetzt in der Hochsaison, sagt Jansa, während seine Kuckucke in den Wanduhren gegen das Getöse der Maschinen ankämpfen. Aber es müsse eben sein, dafür blieben den Händlern in den kommenden zehn Jahren weitere Umbauten erspart.

Hermann Gmeiner-Wagner, Juwelier vis-à-vis, nimmt es ähnlich pragmatisch. Dass viele Touristen heuer auch wegen der Wirtschaftskrise fern blieben koste ihm 15 Prozent des Geschäfts. Unterm Strich machten das die Österreicher aber wieder wett. "Statt zu verreisen, investieren sie in bleibende Werte."

Leben mit der Baustelle

Heike Krauße hat die Hoffnung auf ein Leben ohne Baustelle schon fast aufgegeben. Seit zehn Jahren mache sie das nun am Neuen Markt schon mit, ärgert sich die Floristin. Bei zehn LKWs vor ihrem Geschäft, dem ständigen Staub, der ihre Klimaanlage ruiniere und diesem Höllenkrach sei es schwierig, nicht die Nerven wegzuwerfen. Derart viele Baustellen zeitgleich aufzureißen, sei schlicht nicht nachvollziehbar, "es fehlt jedes Verkehrskonzept" .

Im Wirtshaus nebenan, verbarrikadiert hinter Gittern, herrscht bis auf ein paar Bauarbeiter gähnende Leere. Katzenjammer gibt es auch in den Beisln in der Dorotheergasse beim Graben, erzählt ein Postler. Lärm und Staub schreckten halt ab, abends schaue jeder Wiener, dass er so schnell wie möglich raus aus der Stadt komme, seufzt ein Koch. "Für uns heißt das kleinere Löhne."

Auch die nahe Würstelbude ist auf Diät gesetzt. Weniger Kunden, weniger Trinkgeld, tönt es dort. Dabei werde der Boden vor dem Stand überhaupt erst aufgerissen. Michael-Karl Pircher, Chef von Weidler Schreibwaren, spricht von Einbußen von zehn bis 20 Prozent. Ähnlich hoch sind die Rückgänge im Musikhaus Granola. Ein Trafikant deutet resigniert auf den Bauschutt gespickt mit Müll rund um sein Häuschen. "Das sollte vor Wochen wegkommen, nichts passiert, stattdessen spucken die Leut' rein."

Zwei New Yorker Touristen nehmen es gelassen und fotografieren die Baumaschinen. Ein interessantes Modell, meint der eine. Und der Lärm? Ach, den seien sie gewöhnt.  (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.8.2009)

  • Der Rüttler zehrt an den Nerven der Wiener Händler am Graben. Die
Kunden bleiben aus, Touristen nehmen es sportlich.
    foto: standard/cremer

    Der Rüttler zehrt an den Nerven der Wiener Händler am Graben. Die Kunden bleiben aus, Touristen nehmen es sportlich.

Share if you care.