Animationsfilm "Coraline"

Gift aus prallgefüllten Wundertüten

11. August 2009, 18:37
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    foto: uip

    Der Horror tarnt sich als üppiges Gelage: das Mädchen Coraline auf Entdeckungstour im gleichnamigen Film von Henry Selick.

Ein Mädchen dringt in die Parallelwelt ihrer geheimen Wünsche vor: Mit Henry Selicks "Coraline" kommt ein so abgründiger wie handwerklich betörender Animationsfilm ins Kino

Wien - Unheimliche Filme, Horrorfilme für Kinder! Für viele Menschen klingt das nach einem Widerspruch. Dabei trägt die Kette jener fantastischen Literatur, die sich weniger um regressive, (vermeintlich) unschuldige Kindheitsutopien bemüht, sondern Raum für allerhand Ängste und versteckte Sehnsüchte lässt, die schönsten Perlen. Märchen bauen stets auf solchen Archetypen auf, moderne Ableger wie Lewis Carroll, Roald Dahl oder eben der Brite Neil Gaiman, von dem die Vorlage zu dem Animationsfilm Coraline stammt, setzen diese Traditionen auf eigenwillige Weise fort.

Gaiman hat das Buch als Entschädigung für seine eigene Tochter geschrieben, die unter seinem großen Arbeitspensum gelitten hatte. Das hinterließ in der Geschichte Spuren, denn das elfjährige Mädchen Coraline buhlt ebenso um die Aufmerksamkeit ihrer schreibwütigen Eltern. Nun haben sie noch dazu den Wohnort nach Oregon gewechselt, in einen rosaroten Palast inmitten einer trostlos grauen Landschaft, mit bizarren Nachbarn wie einem russischen Mäusezirkusakrobaten. Vielleicht nicht der beste Ort für blauhaarige Mädchen, doch immerhin einer, der Entdeckergeist verlangt und die Fantasie herausfordert.

Als Film benötigt Coraline eine dementsprechend geschickte Hand für widerstreitende Gefühlswelten, für das Absonderliche und Schräge. Regisseur Henry Selick (The Nightmare Before Christmas), einer der eigenbrötlerischeren US-Zeichentrickexperten, der sich auf das anachronistische Stop-Motion-Verfahren spezialisiert hat, erweist sich dafür als der richtige Mann. Coraline ist der seltene Fall einer durch und durch stimmigen Verschmelzung alter und neuer Technologien. Die skulpturalen Figuren, Puppen im erweiterten Sinne, erhalten mit dem (digital nachgebesserten) 3-D-Verfahren ein hohes Maß an Plastizität. Vor allem zählt hier jedoch die eigenständige zeichnerische Vision, die atmosphärisch mit den Stimmungsschwankungen der Heldin korrespondiert und fantastische Parallelwelten mit liebevollen handwerklichen Details schafft.

Makellose Wunschwelt

Ähnlich wie in Alice im Wunderland entdeckt auch Coraline einen verborgenen Tunnel, hinter dem sich ein anderes Universum auftut. Es sieht dem bekannten zwar zum Verwechseln ähnlich. Aber all das, was im richtigen Leben voller Makel war, gerät dort zu scheinbarer Perfektion. Ein zweites Elternpaar erwartet sie mit dem fertigen Braten im Rohr, eifert um ihre Anteilnahme und hält für sie üppige Überraschungen bereit: Zirkus, Vaudevilletheater, ein illuminierter Garten - das Leben wird für Coraline zur Wundertüte. Und nach gelegentlichen nächtlichen Ausflügen drängt man das Mädchen, ganz zu bleiben.

Die giftigsten Dinge leuchten allerdings bekanntlich in den verführerischsten Farben. Selick versteht es ausgezeichnet, die Verlockungen einer Alternativwelt zu demonstrieren und dabei an kleinen, aber umso beunruhigenden Details erahnen zu lassen, dass dies alles nur Blendwerk für ein dunkles Geheimnis ist. Ein erstes Indiz sind die Knöpfe - welch wunderbare Harmlosigkeit! -, die das ideale Elternpaar anstatt der Augen trägt; doch Augen, weiß man, sind ein Spiegel der Seele.

Und um nichts anderes als Seelenzustände geht es in diesem ungewöhnlichen Animationsfilm: Die Übermutter jenseits der Mauer der Realität ist (auch) als Produkt verborgener Sehnsüchte begreifbar, die, einmal zu Leben erwacht, zum Horror mutieren. Coraline, diese zutiefst eigensinnige Heldin, versteht so auch irgendwann, dass ihr Glück nur um den Preis der Unvollkommenheit zu haben ist. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe 12.8.2009)

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Ab Freitag im Kino

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16 Postings
Terry McGinnis
00
13.8.2009, 23:17

nach drei monaten auch bei uns...

MonkeyBiz
12
12.8.2009, 15:09

na endlich mal wieder nicht die übliche 08/15 kost von pixar und konsorten !

So Nina
04
12.8.2009, 10:06
Mein Sohn...

...hat mir das Buch empfohlen, ich habe es "gierig" verschlungen. Jetzt freuen wir uns schon beide auf den Film!

Schwedenbåmbe
06
12.8.2009, 09:08

Sicher einer der hintergruendigsten und bizarrsten Kinderfilme, die ich je gesehen habe. Sehr sehr empfehlenswert.

Ar Mutschgerl
05
12.8.2009, 00:18
Ein wunderbarer Film

Aber wirklich nichts für Kinder. Die sollten schon älter als 8 oder 9 sein, sonst sind Albträume garantiert.
Wunderbare Atmosphäre, tolle Geschichte, grandiose Umsetzung.

frechie
 
00
12.8.2009, 11:18

damit ist eigentlich fast schon alles gesagt.

frechie
 
03
11.8.2009, 23:01

Neil Gaiman versetzt mich immer wieder in erstaunen!
Sandman...

Affe,Schaf und Wurm
03
12.8.2009, 11:29

...ich bin gespannt obs da je eine verfimung geben wird... und ich bin unsicher ob ich mir das überhaupt wünsche..
gilt auch für american gods und anansi boys...

frechie
 
00
12.8.2009, 17:01

im stile einer yoshitoshi abe serie(mit westlicherem zeichenstil) könnt ichs mir sehr wohl vorstellen, ansonsten doch lieber nicht.

Longyearbyen
 
22
11.8.2009, 22:43
Eine schön geschriebene Kritik,

die allerdings den Kern der Geschichte sehr aus der Ecke der Eltern interpretiert. Denn die Wünsche der selbstbewussten Coraline nach mehr Aufmerksamkeit mutieren zu einem Alptraum, der ihr auf drastische Weise nahe legt, ihre Eltern in Zukunft nicht mehr in Frage zu stellen, sich zu zügeln und mit dem was sie hat, zufrieden zu sein. So wie sich eben alle Eltern ihr Traumkind vorstellen. Trotzdem, der Film ist absolut sehenswert. 4 1/2 Sterne.

eschi 80
01
11.8.2009, 20:07


soweit ich das jetzt beurteilen kann dürfte die englische fassung bei weitem besser ausfallen, mit
dakota fanning
jennifer saunders
teri hatcher

Hirostandard
04
12.8.2009, 10:53

Die englische Version ist viel besser als die deutsche, bestimmte wortwitze fallen wieder mal unter den Tisch, interessant ist eher dass sie es wieder nicht geschafft haben, einen gleichzeitigen Kinostarttermin für Amerika und Europa zu finden, so kann bereits jetzt über Amazon.com die Blue-Ray (sehr empfehlenswert) und die DVD kaufen (Region 1 Player vorausgesetzt ;) )

Anschauungsunterricht Leben
00
11.8.2009, 20:36

Also mir gefallen die Stimmen im deutschen Trailer sehr gut... besonders der Hintergrundsprecher - weiß wer, ob der auch im Film sprechen wird?

Aurvandill der Erste
01
11.8.2009, 21:03
Joachim Kerzel

Das im Trailer ist Joachim Kerzel ( u.A. bekannte Synchronstimme v. Jack Nicholson, Anthony Hopkins ), der spricht aber mindestens die Hälfte aller deutschen Kinotrailer.

Anschauungsunterricht Leben
00
13.8.2009, 16:08

Danke :)

eschi 80
02
12.8.2009, 08:35

ja, und die hörspiele von h.p.lovecraft (weils grad zum thema passt).
aber im film gibts keinen hintergrundsprecher, dafür aber eine grandiose, abgründig heitere musik begleitet von einem budapester jugendchor die einiges über die stimmungslage coralines zu berichten und großen anteil an der atmosphöre hat.

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