Politik beeinflußt die Börsen wenig

2. April 2003, 14:59
1 Posting

Was die Aktienmärkte interessiert ist die konjunkturelle Situation nach dem Krieg - Gastkommentar von Michael Margules

Beobachter könnten den Eindruck gewinnen, Börsianer seien kriegslüstern. Nach einer spektakulären Rallye zum Beginn des Irakkrieges haben der Dow und der marktbreit gefasste S&P 500-Index nun schon ihre Jahresverluste wett gemacht. Bisher entwickelt sich die Lage an den Finanzmärkten ziemlich genau so, wie es seit Wochen erwartet worden war. Die Aktienmärkte erholen sich, am Öl- und am Goldmarkt geben die Preise deutlich nach. Die Voraussetzungen für bessere Börsenzeiten sind günstig. Doch Vorsicht vor falschen Schlüssen. Die - zudem nur vergleichsweise leichten - Kursaufschläge haben weniger mit einer Reaktion auf die Ereignisse des Tages zu tun als mit Erwartungen einer friedlicheren und ökonomisch helleren Zukunft. Doch die Gefahr eines Rückschlags bleibt, dann nämlich, wenn Amerikas Intervention zum Debakel werden sollte. Aber genau dieses Risiko ist nicht abschätzbar.

"Kaufen wenn die Kanonen donnern"

„Kaufen, wenn die Kanonen donnern“, lautet eine alte Börsenweisheit. Der lapidare Spruch ist dieser Tage in vielen Versionen zu hören. Ein Rückblick auf vergangene Krisenszenarien zeigt aber, daß nichts so viel Ungewißheit für die Anleger mit sich bringt wie ein bewaffneter Konflikt, sei es kurz-, mittel- oder langfristig. Dasselbe trifft auch auf andere einschneidende politische Ereignisse wie Regierungswechsel oder Morde an hohen Amtsträgern zu. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es unmöglich ist, im Vorfeld eines Krieges vorauszusehen, wie nach Kriegsende die Nutzen-Kosten-Rechnung aussehen wird. Kriegslogik sagt ganz allgemein wenig über die Kursentwicklung aus, weil selbst ein so dramatisches politisches Ereignis – außer im Fall der totalen Niederlage einer der Kriegsparteien – die bestehenden ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten nicht einfach außer Kraft setzt. Das trifft auch jetzt zu.

Lethargische Wallstreet-Reaktionen

Die Aktienmärkte setzen auf einen überwältigenden Sieg der Amerikaner im Irakkrieg, der nur wenige Tage oder Wochen dauern soll. Angesichts der riesigen Kräfteunterschiede der beiden Parteien und vor allem wegen der Erfahrungen der vergangenen Kriege ist diese Einschätzung verständlich. Das Szenario eines raschen Kriegs ist für die Aktienmärkte ideal, denn es verspricht namhafte Kursgewinne und eine rasche Rückkehr zur Normalität. In den sechs Kriegen der vergangenen 30 Jahre (Jom-Kippur, Falkland, Panama, Golfkrieg, Kosovo und Afghanistan) legten die Märkte 1,5 bis 21 Prozent zu.

Der amerikanische Wirtschaftshistoriker Jeremy J. Siegel kommt in seinem bemerkenswerten Werk „Stocks for the Long Run“ zum Schluß, daß der US-Aktienmarkt auf politische Signale bemerkenswert lethargisch reagiert. In der von ihm untersuchten Periode von 1885 bis 1997 schlug der Dow Jones Industrial (und sein Vorgängerindex) an 123 Handelstagen 5 Prozent und mehr aus. Nur in 28 Handelssessionen wurde ein Kurssprung dieses Ausmaßes durch Nachrichten über Krieg, Attentate oder einen Regierungswechsel verursacht. Der tiefste Sturz im Oktober 1987 (minus 22,6 Prozent) war eine rein marktbedingte Korrektur. Das von einer ganzen Generation von Amerikanern als schwerwiegendstes empfundene politische Ereignis, die Ermordung von Präsident John F. Kennedy, liess den Dow Jones 1963 dagegen im Tageshandel nur 2,9 Prozent einknicken. Daraufhin stellte die Aufsichtsbehörde den Handel ein. Als der Markt wieder öffnete, legte er 4,5 Prozent zu – einer der höchsten Tagesgewinne in dreissig Jahren.

Langfristig betrachtet kann aber ein gewisser Trend festgestellt werden, wie der Dow Jones Industrial auf Krieg reagiert. Zwischen 1896 und 2003 befanden sich die Vereinigten Staaten rund ein Fünftel der Zeit im Kriegszustand oder standen am Rande eines bewaffneten Konflikts. Auf den Ausbruch der Feindseligkeiten reagierten die Börsen in der ersten Phase häufig negativ. Im Fall des schleichenden amerikanischen Engagements im Vietnamkrieg entwickelten sich die US-Börsen im historischen Vergleich über längere Zeit unterdurchschnittlich. Mittel- und langfristig tendierte der Index allerdings in Kriegs- wie in Friedenszeiten ähnlich. Wenn dagegen die Inflationsrate einbezogen wird, die in Zeiten bewaffneter Konflikte fast immer höher war, ist Frieden für Aktienanleger ein klar besseres Marktumfeld als Krieg.

Hoffnung wirtschaftlich bessere Zeiten

Borsianer wetten in aller Regel auf die Zukunft - was geschehen ist, ist Schnee von gestern. Oder Schall und Rauch, um im Bilde des Tages zu bleiben. Und beim Blick auf die jüngste Entwicklung der Aktienkurse zeigt sich: Die Werte verbessern sich auf breiter Front schon seit einer Woche. Dahinter steht Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Zeiten. Denn, so die Spekulation: Die Unsicherheit über den Fortgang der Irakkrise, die das Verbraucherverhalten und die Investitionsneigung gedämpft, sowie nicht zuletzt die Ölpreise in die Höhe getrieben hat - sie ist aufgelöst. Wenn die „Koalition der Willigen“ unter amerikanischem Kommando einen raschen Sieg einfahre, müßte der Ölpreis weiter fallen. Dies würde nicht nur Unternehmen, sondern auch Konsumenten entlasten, die durch die wieder friedlicheren Zeiten zuversichtlicher in die Zukunft blicken, und damit nicht zuletzt auch offener für den Kauf von Aktien wären. Die auf Grund der Angst vor Krieg und Terror bei vielen arg gebremste Reiselust würde abermals ansteigen, was Reiseunternehmen, Handel, Versicherungen und Fluggesellschaften zugute käme. Kurzum: Es gäbe vielerorts mehr Umsätze.

Fundamentale Daten lassen an Aufschwung zweifeln

Soweit die Phantasie. Was die Börse indes mehr interessiert ist die Frage nach der Situation nach einem Krieg. Volkswirte und Anlagestrategen sehen die Lage und die Zukunft dagegen unverändert nicht so rosig. Sie verwiesen vielmehr auf die fundamentalen Daten: schwache Wachstumsraten, steigende Arbeitslosigkeit, hohe Schulden bei Verbrauchern, Überkapazitäten bei produzierenden Unternehmen, zum Teil steigende Steuer- und Abgabenlasten.

Die Wall Street dürfte sich wieder auf die Konjunktur im eigenen Land besinnen - und die liegt ebenso darnieder wie in den vergangenen Monaten. So gibt es fundamental nichts, was die aktuellen Kurse langfristig stützt, zumindest dann nicht, wenn die Euphorie über den Irakkrieg verfliegt. Wall Street wie auch den anderen Finanzplätzen dürften in naher Zukunft unverändert Kurseinbußen erleben – daran wird selbst ein rascher Sieg der Koalition der willigen nicht viel ändern.

Nachlese

--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.