Die Erinnerung der Märkte an den Golfkrieg

23. März 2003, 21:19
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Das Ende des "Desert Storm" hat 1991 eine Kursrallye ausgelöst - Wiederholt sich die Geschichte? Analysten streiten darüber - mit Infografik

Wien - Internationale Analysehäuser sind sich einig: Bleibt der gegenwärtige Irakkrieg kurz (rund vier Wochen), dann werden die internationalen Aktienmärkte von ihrer gegenwärtigen niedrigen Bewertung profitieren. Konsumentenvertrauen und zuvor zurückgehaltene Investitionen könnten die Konjunktur erfreulich antreiben.

Andernfalls ist das Rückschlagpotenzial an den Börsen gewaltig. An detaillierte Prognosen traut sich niemand. Hoffnung und Angst stehen einander wieder einmal gegenüber.

Ob mit einem schnellen Kriegsende auch der Ölpreis - so wie vor zwölf Jahren - auf Niveaus von 18/19 Dollar sinken wird, ist umstritten. Gleichklang herrscht dagegen bei der Währungseinschätzung: Der Irakkrieg habe kaum Einfluss auf das Verhältnis von Dollar und Euro. Der Greenback wird weiter in einem Abwärtstrend gese- hen. Die Erste Bank schätzt, dass der Euro-Dollar-Wechselkurs bis Juni um 1,07 pendeln werde.

Wesentliche Unterschiede

Einen wesentlichen Unterschied sehen die Experten derzeit in der wirtschaftlichen Basis: Die Fundamentaldaten werden jetzt wesentlich besser eingeschätzt als zur Rezession Anfang der 90er-Jahre. Erste-Bank-Analyst Rainer Singer argumentiert mit den Unternehmensgewinnen, die nun bereits wieder im Wachstumsterrain liegen. Negative Daten aus der Statistik des Konsumentenvertrauens interpretieren viele Analysten nicht negativ: Das Verbrauchervertrauen sei mit Beginn des "Desert Storm" am 17. 1. 1991 gestiegen und habe die Aktienbörsen unterstützt.

Parallelen finden die Börsianer auch bei der Betrachtung der Branchenentwicklung an den Aktienmärkten: In beiden Vorkriegsphasen konnten defensive Branchen wir Versorger, langlebige Konsumgüter, Telekom und Rohstoffindustrien (Ölwerte und Goldminen) den restlichen Markt deutlich outperformen.

Titel für "danach"

Nach dem Ende des "Desert Storm" legten Finanztitel, Bau- und Bauindustrie, zyklische Konsumgüter und die Freizeitindustrie stark zu. Möglich also, dass die Geldmanager solche Aktientitel auch jetzt schon in den Einkaufskorb legen.

Für die Erste Bank ergibt sich aus all diesen Betrachtungen eine gute Chance, dass die internationalen Aktienbörsen in den kommenden drei Monaten weiter nach oben zeigen. Andere Häuser, etwa Goldman Sachs ("How much does war matter?"), sind verhaltener: Auch mit einem kurzen Krieg seien Gewinnerwartungen noch überzogen, der Ölpreis bleibe tendenziell hoch, die globale Finanzwelt bleibe angespannt. Zudem argumentieren die Skeptiker mit den Kriegskosten, selbst ein sehr kurzer Krieg könnte die USA demnach rund 57 Mrd. Dollar kosten und in der Folge die weltweiten Anleihenmärkte belasten.

Insgesamt wird den Staatsanleihen zwar ein geringfügiger Renditeanstieg eingeräumt, der zuletzt stark gekauften Anlageklasse wird insgesamt aber wenig zugetraut. Lange Laufzeiten sollten eher auf der Verkaufsliste stehen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 24.3.2003)

Von Karin Bauer
  • Sinkt der Ölpreis so wie damals?
    grafik: der standard

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  • Preisentwicklung bei Gold
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  • S&P 500 - 1. Golfkrieg versus aktuelle Situation

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