Walerian und die Armee der Finsternis

27. März 2003, 15:27
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Radek Knapp schickt einen naiven Helden in die Hölle des Betriebs

Der Weg hinauf und hinab ist derselbe. Wie bei allen Sprüchen Heraklits liegt die Wirkung hier in einem vexierbildhaften Umschlag: Natürlich, denkt man zunächst, ist der Weg auf einen Gipfel auch der, den man nehmen muss, um wieder hinunterzugelangen; man sollte also nicht vergessen, dass man an jedem Ort zweimal vorbeikommt, dass man nichts je wirklich hinter sich lässt. Dann erst erschließt sich die andere Dimension: Der Weg hinauf und der Weg hinab ist vor allem deshalb derselbe, weil der Weg hinauf bereits der Weg hinab ist, weil jeder Aufstieg ein scheinbarer ist, jeder Gewinn auch ein Verlust, jeder Sieger in gewisser Weise ein Verlierer. Von einem jungen Mann, der die Welt gewinnt und dabei seine Seele verliert, handelt Radek Knapps neues Buch.

Walerian Gugania ist ein Verwandter früherer Helden Knapps wie des Flunkerers Franio oder des im Westen sein Glück suchenden Polen Waldemar. Auch er ist freundlich, gutartig bis zur Harmlosigkeit, schüchtern, aber schlau und begabt mit der Fähigkeit scharfer Beobachtung. Aber diesmal schickt sein Autor ihn geradewegs in die Hölle. Eben noch war der Gelegenheitsjobs ausübende Walerian als verkleideter Weihnachtsengel tätig, hatte ins Absurde spielende Gespräche mit hintersinnigen Taxifahrern, wurde von kleinen Kindern angezündet und begegnete im Keller einer Hietzinger Nobelvilla einem wahnsinnigen Seher und dessen verstörendem Papagei, - da passiert das Unerwartete: eine Geschichte von ihm wird als Buch herausgebracht und zur literarischen Entdeckung der Saison ausgerufen.

Was nun folgt, könnte lustig sein, wäre es nicht so traurig: Walerian liest vor vollen Häusern, verkauft Bücher, schüttelt Hände und wird zu einem anderen. "Die Armeen der Finsternis pinkeln mit dem Wind", hatte ihn der Alte in der Hietzinger Villa gewarnt, aber Walerian wollte nicht hören, und nun halten ebendiese Armeen ihn in tödlicher Umarmung. Tonfall und Dialoge ändern sich, und was eben noch voll freundlich skurrilen Humors war, wird unversehens zu einer eisigen Studie der Verlogenheit. Eine Weile widersteht Walerian der Welt des Partygeplauders und der kunstfeindlichen Wichtigtuerei. Dann nicht mehr. Nach einem Zeitsprung von einem Jahr treffen wir ihn auf einem Empfang seines Verlegers wieder, hören ihm dabei zu, wie er gewollt originelle Plattheiten von sich gibt, selbstgefällig mit Bewunderinnen flirtet, an seinem Weinglas nippt und von Menschen, die ihn vor kurzem noch hofiert haben, mit routinierter Verachtung behandelt wird, schließlich gibt es jetzt Gregor, den neuen Erfolgsdebütanten. Ein für Radek Knapp ganz neuer Ton zynischen Realismus: Walerian ist zu einer erbärmlichen Marionette geworden, einem eingebildeten Pappkameraden, zu einer zukunftslosen, von sich selbst eingenommenen Betriebsgestalt.

Und dann? Dann die entscheidende Wendung, nämlich ein Schritt zurück: Walerian ist achtzehn und verbringt mit seinem, die Leser wissen es, bald schon ehemaligen besten Freund die Schulferien auf einem Reitergut. Die Landschaft ist hell und klar, die Dinge sind, was sie zu sein scheinen, "sein Kopf schien so angenehm klein, dass er gerade nur das fasste, was er sah und hörte". Im Schlussbild galoppiert eine Gruppe freigelassener Pferde auf den Horizont zu, kurz davor hat Walerian im hellen Tageslicht ein Streichholz angezündet und im sekundenlangen Schmerz einen Augenblick vollkommenen Beisichseins erlebt. Die Satire, so Schiller, stelle die Kluft zwischen Ideal und Realität dar und müsse eben darum von der Abbildung der gefallenen Wirklichkeit zu der des abhanden gekommenen Ideals, also ins Pathos übergehen. Radek Knapp zeichnet eine verlorene Idylle, und die Wirkung ist von durchdringender Melancholie.

Bei schneller Lektüre übersieht man leicht, was für ein raffinierter Erzähler Knapp, wie kunstvoll dieses Buch komponiert ist: Da findet sich ebenjenes Feuerzeug, mit dem ein kleines Mädchen die Flügel des als Weihnachtsengel verkleideten Walerian anzünden will, viel später als Aufdruck auf dem Hemd des ihn bedrängenden Kollegen Gregor wieder, da summieren sich feine Andeutungen und legen nahe, dass jene letzte Erzählung über das Reitergut selbst die Geschichte ist, die Walerian seinen verhängnisvollen Literaturpreis einbringt. "Die Tatsache, dass in seinem Leben noch Tausende von Tagen vor ihm lagen, hatte ihm schon immer Angst gemacht", heißt es über den Achtzehnjährigen, und wir wissen bereits: mit vollem Recht. Er wird, das haben wir gesehen, seinen Weg machen. Und ebendas, so sagt uns Knapps heraklitische Satire, ist das Schreckliche. Die Wiedergewinnung der Naivität durch den Intellekt ist nach Schiller die Aufgabe aller modernen Literatur; es ist nicht zuletzt auch die Aufgabe des Schriftstellers Walerian Gugania. Ob er sie meistern wird, bleibt offen, ein großer Schritt aber wäre ihm gelungen, könnte er irgendwann ein Buch schreiben wie dieses. (Von Daniel Kehlmann/DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2003)

Radek Knapp, Papiertieger. € 15,40/150 Seiten. Piper, München 2003.
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