An einem seidenen Faden

23. Dezember 2003, 12:46
posten

Zahnseide: Für’s Wohlergehen der Klaviatur, wenn auch kein beliebter Zeitvertreib. So unbeliebt nämlich Zahnseide ist - wer fuhrwerkt schon gerne mit den Fingern im eigenen Rachen herum -, so nützlich ist sie auch. Ein Plädoyer samt Produktvergleich von Harald Sager.

Die Menschheit braucht Zahnseide. Gibt's nichts Wichtigeres, werden Sie vielleicht einwenden. Nein, denn wer auf die Verwendung von Zahnseide „verzichtet“ – was eine Umschreibung ist für: zu faul ist, sie zu verwenden –, der züchtet sich allerlei Karies- und Parodontose-Scherereien heran, bekommt hässliche Zähne und traut sich dann nicht mehr, seinen Mund aufzumachen, was wiederum als unfreundlich gilt. Wer weiß, vielleicht folgt darauf der Verlust des Arbeitsplatzes, was nicht nur dessen Inhaber, sondern auch die Wirtschaft schmerzt, die einen Konsumenten verliert. Wenn sich das tausendfach fortsetzt, ist die nächste Rezession da, kaum dass die letzte vorüber ist.

All das nur wegen des Verzichts auf Zahnseide? So schlimm kann doch deren Verwendung nicht sein! Anscheinend doch, und die mundfaule Fraktion der Zahnseidemuffel führt gerne folgende Gründe ins Treffen.
Argument eins: Ich finde es eklig, mit den Fingern im Rachen herumzufuhrwerken. Entgegnung: Die Bearbeitung des eigenen Körpers hat immer irgendwie etwas Unhygienisches an sich, da gehört das Gebiss noch zu den harmloseren Regionen. Abgesehen davon birgt das Hantieren mit Zahnseide, wie alles Gute, ein erstaunliches Suchtpotenzial in sich, und es gibt Menschen, die kriegen eine Krise, wenn sie, mit einem perfide eingeklemmten Speiserestl kämpfend, zufällig einmal ohne ihre Zahnseide dastehen.
Argument zwei: Ich habe mir damit eine Plombe gelöst. Entgegnung: An lockeren Plomben ist meist nicht die Zahnseide, sondern der Zahnarzt schuld.
Argument drei: Ich bekomme davon Zahnfleischbluten. Entgegnung: Wenn man zu stark aufdrückt, ist das kein Wunder. In Wirklichkeit beugt Zahnseide dem Zahnfleischbluten vor. Tatsache ist, und hier müssen wir einen ernsthaften Tonfall anschlagen, dass Erkrankungen wie Gingivitis (Zahnfleischentzündung), Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparates) und Karies (Zahnfäule) im Erwachsenenalter in erster Linie von den Zahnzwischenräumen herrühren. Dort nämlich machen sich's allerlei Bakterien gemütlich, knabbern – durch Säureproduktion – links und rechts am Zahn und vermehren sich fröhlich. An die Zahnzwischenräume jedoch kommt man nur mit der Zahnseide heran, da können die Bürstenborsten noch so gekrümmt oder gewunden sein. Und wie oft soll ich sie verwenden, fragte ich meine Dentalhygienikerin naiv, einmal pro Woche oder pro Monat? I wo, sagte sie: täglich!

Die Kriterien:

Mag sein, dass die Zahnseide selbst, das heißt ihre Konsistenz, eine Hightechangelegenheit ist - die ganze Apparatur jedenfalls kommt definitiv als Lowtech daher: Spule, Plastikgehäuse, Abrissnut, fertig. Und eigenartig, dass noch kein überzeugender Ersatz fürs blutstoppende Fingerwickeln erfunden wurde. Weshalb sich die Kriterien Konsistenz der Seidenschnur (K), Leistung (L) und Schnickschnackfaktor (S) aufgedrängt haben. Unter Letzterem sind teils nützliche, teils entbehrliche Zusatzeigenschaften wie Mintgeschmack, Wachs, Fluorid oder Teflon (!) zusammengefasst. Die Gesamtnote (G) ergibt sich aus dem Notendurchschnitt.


Die Ergebnisse:

Johnson & Johnson Reach Dental Floss (ca. € 3,10)
Um es vorwegzunehmen: Ich bin ein Fan der Marke Johnson & Johnson und bin dem hauseigenen Babyshampoo über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben, obwohl es kein sanft glänzendes Haar verspricht, dafür aber: keine Tränen mehr. Umso weniger werden mir die Firmenverantwortlichen bei Johnson & Johnson vorwerfen können, dass ich von der Reach Dental Floss nicht angetan war. Wochenlang begleitete sie mich durch Südindien, und wochenlang fürchtete ich jeden Abend, dass sie mich plötzlich um die eine oder andere Plombe erleichtert. Denn so leicht man sie in die Zahnzwischenräume führt, so schwer zwängt man sie da wieder heraus, und das ist die größte Untugend von Zahnseide. Die zweitgrößte ist Härte des Materials, und auch hierin glänzt die Reach Dental Floss in zweifelhafter Weise. Vorteil des Nachteils: Man muss sich sehr anstrengen, sie zum Reißen zu bringen. K: 4, L: 4, S: 1 (Fluorid, Mint, gewachst), G: 3.
Oral B Zahnseide ungewachst
(ca. € 2,90)
Hier dagegen mein Favorit. Die Oral B Zahnseide ungewachst ist das Basismodell, der Marke mit der größten einschlägigen Auswahl. Sie ist vom Material her soft, und darauf kommt es, sowohl beim Eindringen in den Zahnzwischenraum wie auch bei der Behandlung des Zahnfleischs, an. Es gibt sie auch in einer gewachsten Version (ca 3,40 €), was sie noch gleitfähiger macht. Im Beipacktext wird zwar Reiß-und Faserfestigkeit versprochen, aber das stimmt natürlich, bei dieser wie bei anderen Zahnseiden, nicht. Fasern tun sie alle mehr oder weniger, und reißen tut diese hier besonders gern. K: 2, L: 1, S: 4, G: 2,3.

Oral B Satinfloss Mint
(ca. € 3,80)
Auch die Satinfloss ist eine Zahnseide, bedient sich aber einer anderen, der Hersteller würde nicht anstehen zu sagen, fortgeschritteneren Technologie. Sie besteht aus einem Netz ineinander verschlungener Nylonfasern, und tatsächlich, sie fasert kaum. Die Satinfloss dringt optimal in die Interdentalregionen ein, kommt daraus auch wieder unversehrt hervor und verbreitet einen angenehmen Mintgeschmack. Ich selbst verwende sie trotzdem nicht, denn die auf die Oberfläche applizierte Mintsubstanz hinterlässt - wenn auch in atomaren Dosen - Brösel, die man gerade in Zahnzwischenräumen nicht unbedingt brauchen kann. Außerdem hat sie, statt der üblichen 50 m, nur 25 m Floss aufgespult, ohne deswegen allerdings beim Preis nachzulassen. K: 2, L: 1, S: 2, G: 1,6.

Elmex Zahnseide (ca. € 3,20)
Der große Knüller der Elmex Zahnseide ist deren Zugabe von Aminfluorid. Fluorid ist eine Substanz, ohne die bei Zahnpasten nichts mehr geht. Zusammen mit dem Speichel trägt es dazu bei, den Zahnschmelz mit Mineralien zu versorgen, die ihn härter und dadurch kariesresistenter machen. Da ist es durchaus sinnvoll, gerade gefährdete bzw. schwer zugängliche Stellen damit zu versorgen. Das der Elmex Zahnseide zugesetzte Aminfluorid soll sogar noch wirksamer sein als das gängige Natriumfluorid. Darüber hinaus ist sie ungewachst, was den Vorteil hat, dass man sich keine - mikroskopisch kleine, aber doch - Wachsreste in seinen Zahnzwischenräumen einhandelt. Merke: Gewachste Seiden sind dank ihrer weicheren Oberfläche in erster Linie für jene Benutzer gedacht, die unter gröberen parodontalen Entzündungen bzw. Zahnfleischbluten leiden. Die Elmex Zahnseide ist allerdings ein bisschen allzu hart, und man hat Mühe, sie wieder aus den Interdentallücken rauszubekommen. Obendrein fasert sie leicht. Kleiner Service-Bonus, an den sonst keiner gedacht hat: ein kleines Sichtfenster, damit man weiß, wie viel von der Spule noch vorhanden ist. K: 3, L: 3, S: 2, G: 2,6.

Sensodyne Zahnseide (€ 3,60)
Da ich mir im Zuge eines Selbstversuchs eine Plombe ausgehebelt habe, tue ich mir mit einer unvoreingenommenen Beurteilung etwas schwer. Natürlich könnte ich meinen Zahnarzt bzw. die eigene Ungeschicklichkeit dafür verantwortlich machen. Will ich aber nicht und verweise stattdessen auf die ungewöhnliche Materialhärte der Sensodyne-Seide. Nein, charmant und smooth agiert sie nicht gerade und vermittelt darüber hinaus den Eindruck einer gewissen Bröseligkeit, der sich wiederum der Mintbeschichtung verdankt. Positiv seien das Preis-Leistungs-Verhältnis (75 statt der üblichen 50 Meter), der Natriumfluoridzusatz sowie die Teflonbeschichtung vermerkt - Letztere ist zumindest bei Zahnseide ein Novum. Sie soll die Reißfestigkeit und Gleitfähigkeit erhöhen: Ersteres kann ich anhand meiner verloren gegangenen Plombe bestätigen, Letzteres nicht. K: 3, L: 4, S: 2, G: 3.
(Der Standard, Printausgabe, 22.03.2003)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.

  • Artikelbild
    ost
Share if you care.