Befreiungen

15. August 2003, 20:53
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In der Nacht auf Donnerstag hatte der US-Präsident selbstverständlich auch für das irakische Volk eine Verheißung parat: "The day of liberation is near."

Bei dem, der - so wie ich - eine solche Befreiung schon einmal miterlebt hat, halten sich die diesbezüglichen Erwartungen in engen Grenzen. So wurde die Befreiung der nunmehrigen europäischen Kulturhauptstadt nach immer noch gültigem Rezept zunächst einmal durch zahlreiche nachhaltige Bombardements eingeleitet. Wer nicht zu den Tausenden gehörte, die im Stollenlabyrinth des Schlossbergs Zuflucht fanden (die Ausstellung Berg der Erinnerungen erinnert auch daran), hatte gute Chancen, kollateriert zu werden.

Weil Strategen und Bombenwerfer nicht immer zu den Lieblingen der neun Musen zählen, hielten die Befreier auch das Grazer Opernhaus für ein Gebäude von strategischer Relevanz.

Seine Beschädigung erwies sich nachhaltiger als befürchtet: Verpasste man dem eleganten Fellner-&-Helmer-Bau im Zuge der Restaurierung doch seine jetzige, plumpe Fassade.

Nach diesen nachhaltigen Grüßen aus luftiger Höhe traten dann die Befreier höchstpersönlich auf den Plan. In der steirischen Landeshauptstadt, die damals allem eher glich als einer Kulturhauptstadt, waren dies nach Kriegsende zunächst die Russen.

Da sie nicht nur das Herz, sondern alles, was einen wackeren Soldaten sonst noch ausmacht - wie zum Beispiel auch die Pistole - am rechten Fleck hatten, herrschte allgemein große Angst. Zumal sie im Verlauf ihrer Besuche, die sie den Bewohnern der unzerstört gebliebenen Häuser (ganz ohne Einladung) abstatteten, gerne auf Radios, aus denen Musik zu hören war, oder auch auf schlagende Uhren und klingelnde Wecker schossen.

In unserem Haus fielen ihre Visiten dank einer Vorsichtsmaßnahme meines zum Glück auch des Russischen mächtigen Vaters stets ganz kurz aus: Hatte er doch zum Entsetzen meiner Großeltern das im Salon prangende goldumrahmte Familienwappen gegen ein riesiges Stalin-Porträt ausgetauscht, vor dem die uns besuchenden Befreier sofort stramm standen und salutierten, um dann wieder das Weite zu suchen.

Ohne solche apotropäische Bildmagie konnte man natürlich auch Pech haben. Erzählte doch in diesen Tagen eine Dame von hohem Adel, in ihrer Grazer Stadtvilla hätten die Befreier just ihren "wunderschönen Bösendorfer" als von Haus aus eigentlich gar nicht so stillen Ort der Befreiung von ihren größeren und kleineren Nöten gewählt.

Nun ja, denkt man in avancierteren Kunstkategorien, könnte man sagen, in Europas Kulturhauptstadt wurde das erste präparierte Klavier kreiert, wie es heute in der musikalischen Moderne gang und gäbe ist. Wenn auch die Präparatoren des Prototyps nicht unbedingt zu den Ikonen der Moderne zu zählen sind. (DER STANDARD; Printausgabe, 22.03.2003)

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