Standbilder statt "dampfendes Blut"

7. April 2003, 11:26
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Schweizer TV sendete zu Kriegsbeginn weder US- noch irakisches Material - Kritik an ORF-Entscheidung, keine eigenen Berichterstatter in Bagdad zu haben

Neutral ist nicht nur die Schweiz, gnadenlos neutral ist auch ihr öffentlich- rechtliches Fernsehen. Wo sich die übrigen Stationen nach Ablauf des US-Ultimatums mit Sondersendungen oder TV-Marathons überschlugen, brachte SF DRS zunächst lediglich Standbilder.

"Wir möchten nicht primär das dampfende Blut zeigen, sondern die Frage beantworten, warum es dampft", zitierte das Fachblatt "persönlich" den Generaldirektor der Anstalt, Armin Walpen. Strikt neutral zeigte man zunächst weder amerikanisches noch irakisches Material, ließ Experten diskutieren und Korrespondenten berichten.

Keiner in Bagdad

Beim ORF indes gibt es nicht nur Experten auf dem Schirm, sondern auch Diskussionen dahinter. Interne Kritik auf dem Küniglberg: War es eine sinnvolle Entscheidung, keine eigenen Berichterstatter in Bagdad zu haben, stattdessen auf den in der irakischen Hauptstadt gebliebenen News-Redakteur zurückzugreifen und so in Nachrichtensendungen für das Wochenmagazin zu werben. Das ORF-Gesetz fordert "Unabhängigkeit von anderen Medien, seien es elektronische oder Printmedien". Freiwillige hätte es unter den ORF-Leuten gegeben, erfuhr DER STANDARD.

ORF-Chefredakteur Werner Mück war seit Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Schon lange vor Ausbruch des Krieges entschied die Anstalt, kein Leben eines ihrer Mitarbeiter auf Spiel zu setzen.

"Was kommt, wird schlimm werden"

Was Stephan Kloss aus Bagdad berichtet, bestätigt diese Position: "Wir wissen nur: Was kommt, wird schlimm werden", zitiert die Netzeitung den Reporter des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR): "Wir müssen uns darauf verlassen, dass die Bomberpiloten über unsere Aufenthaltsorte Bescheid wissen." Die Dächer ihrer Hotels seien nicht markiert, entsprechende Schutzräume für die Medienleute gebe es nicht, lässt Kloss wissen.

Die ARD hat den hauseigenen Korrespondenten Jörg Armbruster längst von Bagdad abgezogen. Armbruster berichtet mittlerweile aus Amman. Geblieben ist hingegen Kloss. Der Freelancer berichtet allerdings wie Antonia Rados für RTL auf eigenes Risiko. "Wir nehmen seine Dienste gerne in Anspruch", heißt auf STANDARD-Anfrage bei der ARD. Wann Kloss Bagdad verlasse, entscheide er letztlich selber.

Das ZDF hat mit Ulrich Tilgner noch den eigenen Korrespondenten in Bagdad, sein Team ist allerdings abzogen. Gegen ihren Willen zurückbeordert wurde Kathrin Sandmann, die für Sat.1 und N 24 berichtete. (Doris Priesching, Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 22./23.3.2003)

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