Antibiotika schützen nicht vor Infarkt

22. März 2003, 12:00
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Nach groß angelegter Studie mit Wien-Beteiligung: Kurzzeitige Therapie senkt das Infarkt-Risiko nicht

Wien/London/Los Angeles - Schön wär's, aber das "spielt" es nicht: Eine kurzzeitige Antibiotika-Therapie gegen bestimmte Keime schützt akut gefährdete Herzpatienten nicht vor dem ersten oder einem weiteren Infarkt. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie, die unter Beteiligung der Spezialisten an der Universitätsklinik für Innere Medizin II (Vorstand: Univ.-Prof. Dr. Gerald Maurer) am Wiener AKH durchgeführt und vor Kurzem in der renommierten Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet" (8. März) publiziert wurde.

"Die Ratio dahinter war, dass es einige Hinweise aus kleinen Untersuchungsserien gab, dass Chlamydien-Infektionen (Lungenentzündung etc.) an der Entstehung von Atherosklerose ("Gefäßverkalkung", Anm.) bzw. Herzinfarkten beteiligt sein könnten", erklärte Maurer.

Hypothese

Der Hintergrund: Ziemlich klar ist, dass im Rahmen der Atherosklerose auch entzündliche Prozesse eine Rolle spielen. Dadurch kommt es in den Wänden der Arterien zu einer vermehrten Oxidation von Cholesterin, es bilden sich "Schaumzellen". Durch immunologische Reaktionen wird die Gefäßwand geschädigt. Einlagerung von Fett führt zu Belägen, welche die Arterien verengen. Brechen die Beläge auf, kommt es zum Infarkt. Das führte schließlich zu dem Verdacht, dass chronische Infektionen zu diesen Abläufen führen würden. Vor rund zwei Jahren schien diese Hypothese schon eine ziemlich "ausgemachte Sache" zu sein.

Maurer: "In einer kleinen Untersuchungsserie in Finnland hatte sich ergeben, dass im Blut von Herzinfarktpatienten erhöhte Werte an Antikörpern gegen Chlamydien vorhanden waren." Auch wurden in Gewebeproben aus verengten bzw. verschlossenen Herzkranzgefäßen vermehrt Chlamydien gefunden. Der Kardiologe weiter: "Aus einer kleinen Studie in Argentinien kamen Hinweise, wonach eine Antibiotika-Behandlung zu weniger neuerlichen Herzinfarkten führen könnte."

Groß angelegte Studie

Deshalb starteten Kardiologen aus Los Angeles (Cedars-Sinai Medical Center), Laibach, Jerusalem, Tel Hashomer (Israel), Kassel und Wien - Maurer hat zwölf Jahre lang am Cedars-Sinai Medical Center gearbeitet - eine groß angelegte Studie. Von 1.439 Patienten mit instabiler Angina pectoris als Vorstufe zu einem Infarkt oder einem Infarkt erhielten 716 Personen am ersten Tag 500 Milligramm des Antibiotikums Azithromycin sowie weitere vier Tage je 250 Milligramm. 723 Betroffene bekamen nur ein Scheinmedikament. Nach sechs Monaten wurde das weitere Schicksal der Patienten ausgewertet.

Das Ergebnis: In der Gruppe der Personen, welche das Antibiotikum bekommen hatten, waren drei Prozent gestorben (Placebo-Gruppe: vier Prozent), zwei Prozent hatten einen (neuerlichen) Herzinfarkt erlitten (Scheinmedikament: drei Prozent), neun Prozent mussten per Bypass-Operation oder Ballon-Aufdehnung eines Herzkranzgefäßes wegen wieder auftretender Angina pectoris behandelt werden (Placebo-Gruppe: acht Prozent).

Keine Verbesserung

Das war statistisch kein signifikanter Unterschied. Maurer: "Herausgekommen ist somit, dass eine kurzfristige Antibiotikabehandlung die Prognose solcher Patienten nicht zu verbessern vermag." Mittlerweile gäbe es dazu auch auch noch andere Studien mit einem ähnlichen Ergebnis. Der Kardiologe: "Aber die Kontroverse geht weiter. Sicher ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Entzündung und der Atherosklerose gibt." (APA)

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