Jim Dickinsons "Free Beer Tomorrow"

15. Dezember 2003, 16:42
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Nach 30 Jahren erscheint das erst zweite Soloalbum von James Luther Dickinson

Betrachtet man die Veröffentlichungsintervalle von James Luther Dickinsons Alben, entsteht der Eindruck, es handle sich bei dem 60-Jährigen um einen Charakter, der als "fauler Hund" gut beschrieben ist. 1972 erschien Dixie Fried, in den 80ern veröffentlichte das verdiente New-Rose-Label ein Album von Mud Boy & The Neutrons, einer Feierabend-Combo, bei der Dickinson die Klaviertasten boogiemäßig massierte, und Ende vergangenen Jahres, also bereits 30 Jahre nach seinem Erstling, erschien schließlich Free Beer Tomorrow, Dickinsons zweites Soloalbum.

Doch die Vermutung "fauler Hund" erweist sich als haltlos. Seit den 60ern hatte der in Memphis, Tennessee, Lebende als Studiomusiker und Produzent bei heute als heillos legendär geltenden Alben und Bandprojekten seine Finger im Spiel: Er klimperte für Aretha Franklin, die Rolling Stones (Sticky Fingers!), Arlo Guthrie, die Staple Singers, Cher oder die Flamin' Groovies. Seit den 70ern spielt er immer wieder mit Ry Cooder und Bob Dylan. Er produzierte Third (alias Sister Lovers) von Big Star, später Solowerke des Big-Star-Sängers Alex Chilton. Weiters The Cramps, The Replacements, Tav Falco, Green On Red. Er partizipierte maßgeblich am Paris, Texas-Soundtrack von Ry Cooder, und in den 90ern buchten Bands wie Primal Scream, Mudhoney, Spiritualized, The Jon Spencer Blues Explosion, Willy DeVille, G. Love & Special Sauce den sympathischen Bartträger. Um nur einige zu nennen.

Der Grund für Dickinsons anhaltende Popularität offenbart sich auf Free Beer Tomorrow: Es ist die eigenwillige Eleganz, die er aus Unreinheiten, wackeligen Zwischentönen, verstimmten Klampfen und leger gehaltenen Tempi generiert. Perfektion ist für Perfektionisten. Dickinson vertraut lieber auf Gefühl und schiebt zu sonorem Gesang Wuchteln aus der Hüfte, die zwischen Boogie, Soul, Rock'n'Roll und allem, was der Mississippi sonst noch Richtung Delta spült, angesiedelt sind. Großartige Balladen "of Billy The Kid and Oscar The Wilde", augenzwinkende Bösartigkeiten ("Last night I gave up smoking, tonight I'm giving up you") oder eine geniale Coverversion von Eddie Hintons Well Of Love prägen ein Album, vor dem selbst hartherzige Kritiker schwitzenden Auges in die Knie gehen und freudentrunken "Meisterwerk" stammeln. Möge das nächste Werk nicht wieder 30 Jahre auf sich warten lassen! (DER STANDARD, Printausgabe, 21.3.2003)

Von Karl Fluch

James Luther Dickinson:
Free Beer Tomorrow
(Audiocenter: 1/533 68 49)
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