Die stimmlose Großmacht

20. März 2003, 19:29
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Johnny Marr, einst Gitarrist bei The Smiths, präsentierte mit The Healers im Wiener WuK sein Debütalbum "Boomslang"

Johnny Marr, Ausnahmegitarrist und früher musikalisch Verantwortlicher bei The Smiths, präsentierte mit The Healers im Wiener WuK sein Debütalbum "Boomslang" live.


Wien - Bernard Butler hat die Problemstellung erkannt und optimal gelöst. Gewahr der Tatsache, selbst bestenfalls über ein Stimmchen zu verfügen, engagierte der frühere Gitarrist der Neo-Glamrocker Suede den Sänger David McAlmont und produzierte mit dem so neu geschaffenen Gespann McAlmont & Butler erhebende Meisterwerke wie etwa das im Vorjahr erschienene Bring It Back.

Johnny Marr, der unter ähnlichen Voraussetzungen ins Rennen geht, verschließt sich dieser Einsicht und singt in seiner Band Johnny Marr and The Healers selbst. Das ist schade, denn als Sänger ist er anders als an seiner Sechssaitigen eine Fehlbesetzung. Leider. An der Gitarre - und davon konnten sich bei seinem Liveauftritt vergangenen Mittwoch im Wiener WuK alle überzeugen - repräsentiert der Brite nach wie vor jene Großmacht, als die er seit den Tagen mit The Smiths gilt.

The Smiths bezeichnet man heute als die wichtigste britische Popband der 80er-Jahre, und Marr war es, der die zerbrechlich-unglücklichen bis zynisch-angespeisten Lebensbetrachtungen ihres exzentrischen Sängers Morrissey musikalisch übersetzte - und zwar kongenial. Egal ob es vibrierend-hochgezogene Sounds wie in How Soon Is Now oder druckvoll auf den Punkt gespielte Melodien wie in Bigmouth Strikes Again waren: Marrs Spiel klang stets - ja - betörend.

Dieses Talent machten sich in Folge etliche Bands zunutze und engagierten Marr nach dem Ende von The Smiths 1987. Neben Jobs für The The, die Pet Shop Boys oder Auftritten mit den sitzen gebliebenen Smiths-Schülern Oasis formte der Umtriebige in den 90ern mit New-Order-Sänger Bernard Sumner die Band Electronic, mit der das Beste aus diesen beiden Welten (New Order und The Smiths) zusammengeführt wurde - mit Sumner an der Stimme.

In Wien stellte Marr nun sein Debüt Boomslang vor. Wie auch auf Platte geizte er dabei nicht mit dem Präsentieren seiner handwerklichen Fähigkeiten, die, von einem zweiten Gitarristen unterstützt, stellenweise aufregend und druckvoll in den gut besuchten Saal geholzt wurden. Marr: "Is it loud?" Oh ja!

Doch die gebotene Dröhnung erging sich über weite Strecken in jenem blutleeren Raver-Rock, der in England Ende der 80er- und in den frühen 90er-Jahren hoch überschätzt und von bleichen Drogenkindern in Luftmatratzen-Anoraks wie The Stone Roses oder Happy Mondays "ideal" verkörpert wurde.

Und dann erst der Gesang! Als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen, seinen Texten stimmlich kaum Charakter, kaum Leben verleihen zu können, verschluckte Marr auch noch deren letzten Konsonanten, weil ein Leben ohne Kaugummi kann man sich unter einer Britpop-Frisur ja gar nicht vorstellen.

Diese Frisuren!

Überhaupt - und so viel Oberflächlichkeit muss sein - wirkte das Erscheinungsbild der Band wie das der Hairy-Metal-Band Spinal Tap, umgelegt auf Insel-Pop. Also Topffrisuren, die in der Stirnmitte gardinengleich geteilt und den Scheitel entlang so kurz geschnitten werden, dass die Haare dort wegstehen. Schauderhaft.

Trotzdem hatte die Show ihre Höhepunkte: als der zweite Gitarrist etwa zum Piano wechselte, um eine der wenigen Balladen von dort aus zu unterstützen, und der Schlagzeuger Zak Starkey - Sohn eines gewissen Ringo Starr - von seinem auf Power-Pop programmierten Spiel einmal kurz abwich.

Diese Momente offenbarten deutlich, wie brillant Marr als Musiker und Arrangeur seiner selbst ist. Ebenso zeigte sich gerade hier das Fehlen eines charismatischen Sängers. Ein Defizit, das Marr weder mit Freundlichkeit noch mit energetischem Gitarrenspiel zu kompensieren wusste.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.3.2003)

Von Karl Fluch
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