Gibt es überhaupt faire Filesharing-Prozesse?

11. August 2009, 15:55
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Zwischen angeklagten Filesharern und klagender Unterhaltungsindustrie herrscht ein großes Ungleichgewicht

In den vergangenen Wochen haben harte Urteile gegen Filesharer einmal mehr für Aufsehen gesorgt. So wurde etwa ein Student aus den USA für den Down- und Upload von 30 Songs über die Tauschbörse Kazaa zu einer Geldstrafe von 675.000 US-Dollar verurteilt. In den Medien wird in solchen Fällen gerne der "David gegen Goliath"-Vergleich bemüht. TorrentFreak-Blogger Ben Jones fragt sich, ob beim Thema Filesharing überhaupt ein fairer Prozess möglich ist und erklärt, wieso Angeklagte im Gerichtssaal deutlich unterlegen sind.

Drohbriefe

Auf der einen Seite stehen private User, die ein paar Songs über eine Tauschbörse heruntergeladen und damit gleichzeitig auch weiterverbreitet haben sollen, auf der anderen die Milliarden Dollar schwere Unterhaltungsindustrie. Die meisten Angeklagten würden zunächst Drohbriefe von den Anwälten der Industrie erhalten mit der Aufforderung Schadenersatz zu zahlen oder verklagt zu werden.

Beweislast

Jones betont, dass es in einem Prozess vor allem um Ressourcen gehe. In einem Zivilprozess müssten Angeklagte ihre Unschuld beweisen. Wer nicht vor Gericht erscheine, gelte automatisch als schuldig. Würden die Beschuldigten zudem auf die Drohbriefe nicht reagieren, könne das in einigen Fällen auch bei einer späteren Gerichtsverhandlung negativ beurteilt werden.

Teure Experten

Eine Gerichtsverhandlung sei zudem langwierig und Experten, die in den Zeugenstand gerufen werden, teuer. Die Free Software Foundation hat den "Expert Witnesses Fund" gegründet, um Angeklagten in Copyright-Prozessen des Musikverbands RIAA (Recording Industry Association of America) Experten zur Seite zu stellen, die sie sich ansonsten nicht leisten könnten. Im Fall des zu 675.000 Dollar verurteilten Joel Tenenbaum seien Experten, die für ihn aussagen sollten, jedoch abgelehnt worden, während die Anklage drei Experten in den Zeugenstand rufen durfte.

Unwissende Geschworene

Letztendlich komme es laut Jones darauf an, wie gut ein Anwalt den Geschworenen die Situation anhand einer Analogie erklären könne. Das sei aufgrund des technischen Themas jedoch schwierig. Und die meisten Personen, die sich mit P2P-Technologie auf einer professionellen Ebene auskennen oder diese auch nur nutzen, würden als Geschworene abgelehnt. So käme es dazu, dass die meisten Geschworenen nur wenig Ahnung von der Materie hätten. Jones kritisiert, dass diese "technologischen Novizen" eher davon ausgehen würden, dass die Analogien der Anwälte stimmen oder sie sogar überbewerten. (red)

  • Bei Prozessen zwischen Filesharern und Musikindustrie herrscht im Gerichtssaal ein deutlicher Größenunterschied.
    foto: epa/ stache

    Bei Prozessen zwischen Filesharern und Musikindustrie herrscht im Gerichtssaal ein deutlicher Größenunterschied.

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