Nutzen der Krebsfrüherkennung überschätzt

11. August 2009, 13:41
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Europäische Patienten sind schlecht über Vor- und Nachteile und den tatsächlichen Nutzen informiert

Interviews mit mehr als 10.000 Menschen aus neun europäischern Ländern gingen in die erste euro­paweite Studie zum Verständnis der Krebsfrüherkennung ein, die das Harding Center for Risk Literacy (Harding-Zentrum für Risikokompetenz) zusammen mit der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK-Nürnberg) durchgeführt hat. Die Ergeb­nisse ver­blüffen, heißt es in einer Presseaussendung: Die Euro­päer erweisen sich als mangelhaft informierte Optimisten in Sachen Früh­erkennung - allen voran die Deutschen.

So fanden die Wissenschaftler heraus, dass 92 Prozent aller befragten Frauen den Nutzen der Mammografie als Mittel zur Vermeidung einer tödlich verlaufenden Brustkrebserkran­kung überschätzen (oder gar keine An­gaben dazu machen können). Und 89 Prozent aller Männer ver­sprechen sich zu viel vom PSA-Test im Hinblick auf die Reduktion des Risikos einer tödlich verlau­fen­den Prostatakrebserkrankung (oder bekennen ihr Unwis­sen zu diesem Thema).

Risikoreduktion wird deutlich überschätzt

Frühere Untersuchungen haben erge­ben, dass von 1.000 Frauen, die nicht am Mammografie-Sreening teilgenommen haben, in einem Zeitraum von ca. zehn Jah­ren etwa fünf an Brust­krebs sterben. Bei einer zweiten Gruppe von ebenfalls 1.000 Frau­en, die sich für die Früherkennung entschieden haben, ver­ringert sich diese Zahl auf vier.

In vielen Infor­ma­tions­bro­schü­ren werde dieser Sachverhalt in die Aussage übersetzt, dass die Mammografie eine Ri­si­ko­­reduk­tion um 20 Prozent er­mög­­liche. Häufig schlie­ßen Frauen daraus, dass durch Mam­­mo­grafie 200 von 1.000 Frauen "gerettet" werden. Die jetzt prä­sen­tierte Studie zeigt: In Deutsch­­land wissen gerade einmal 0,8 Prozent der Frauen, dass Früherkennung die Brustkrebssterb­lichkeit um etwa eine von je 1.000 Frauen reduziert. Menschen im Alter von 50 bis 69 Jahren, die be­son­­ders gefährdet sind seien keineswegs besser im Bilde als an­de­re Altersgruppen.

Und noch einer weiteren Frage widmet sich die Studie: Sind Menschen, die häufiger Ärzte oder Apo­theker konsultieren, besser über den Nutzen der Früherkennung informiert? Die Antwort darauf sei europaweit ein klares "Nein". Insbesondere deutsche Frauen, die ihr Wissen zum Thema Früh­erken­nung bevorzugt aus Gesprächen mit Ärzten und Apothekern beziehen, sind nicht etwa zu einer deut­lich genaueren Einschät­zung in der Lage, sondern zeigen sich schlechter informiert als andere, die sich weniger bei Ärzten oder Apo­thekern erkundigen. 

Ärzten fehlt Vermittlungskompetenz

Die möglichen Ursachen dafür sind aus ande­ren Stu­dien des Max-Planck-Instituts bekannt und liegen im medizinischen Aus- und Weiterbil­dungs­sys­tem begründet. Dieses versagt weitgehend bei der Aufgabe, Ärzte darin zu schulen, die sta­tis­ti­schen Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu verstehen und zu vermitteln.

Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding Center for Risk Literacy, zu den Ergebnissen der Studie: "Früherkennung birgt immer die Gefahr von Folgeschäden, wie z. B. unnötige Operationen oder Inkontinenz. Um in­formiert entscheiden zu können, ob sie teilnehmen möchten oder nicht, müs­sen Patienten um den mög­lichen Nut­zen der Früherkennung genauso wissen wie um potenzielle Schädi­gungen. Nach den vorlie­gen­den wissen­schaftlichen Stu­dien liegt der Nutzen des Mammo­gra­fie-Scree­nings in der Altersgruppe von 50 bis 69 Jahren im Bezug auf töd­lich verlaufende Brustkrebserkrankungen bei einer Reduktion um eine von je 1.000 Frauen. Für die Prostata­krebs­früh­er­kennung mit PSA-Tests liegt er bei null oder einem von 1.000 Männern." Sie europaweite Stu­die zeige nun, dass die Menschen diese Zusammenhänge einfach nicht kennen. (red, derStandard.at)

Infos zur Studie

Die Studie wird am 2. September 2009 unter dem Titel „Public Knowledge of Benefits of Breast and Prostate Cancer Screening in Europe" im Journal of the National Cancer Institute (Vol. 101, Issue 17) ver­öffentlicht. Sie entstand als Zusammenarbeit des Harding Center for Risk Literacy am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und des GfK-Nürnberg. Ihre Autoren sind Gerd Gigerenzer, Jutta Mata und Ronald Frank.

Link

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

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