"Welcher ist dein Lieblingspanzer?"

11. August 2009, 12:43
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Die Krise lässt Arbeitslose und Junge zum Heer zurückkehren - Ein Anwerbeversuch in der Kaserne Großmittel

"Ich nehme einmal stark an, zu Mittag wird's bundesheermäßig ein Gulasch geben", sagt der junge Oberleutnant Arno Gattermann und lächelt in die Runde. Damit beweist er Selbstironie, schließlich will sich das Bundesheer ja auch von seiner besten Seite zeigen. Der Reisebus tuckert über leere Landstraßen, die - so scheint's - noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Ziel: die Kaserne in Großmittel, einem Ort im Niemandsland zwischen Wien und Wiener Neustadt.

Im Bus sitzen 15 junge Menschen, auch Vera und Roswitha. Vera freut sich schon auf Großmittel, "mit dem Panzer und dem Pinzgauer mitfahren" sei einfach "cool". "Welcher ist dein Lieblingspanzer", fragt Roswitha. Vera zögert kurz: "Der Leopard", sagt sie dann. "Der Leo! Meiner auch", sagt die andere, "schlag' ein." Roswitha ist erst 16. Sie trägt eine Army-Hose, Feldstiefel und ein rotes Bundesheer-Kapperl. Mehr als 20 Kasernen habe sie schon besucht. Später will sie als Sanitäterin oder als Panzerfahrerin dienen.

Berufsziel: Bundesheer

Vera hingegen träumt davon, Pilotin zu werden. Vergangene Woche hat sich die 17-Jährige für ein Jahr freiwillig gemeldet. Dafür brauchte es das Einverständnis der Eltern. Das hat Vera bekommen, auch wenn sie "riesengroße Angst vor der Reaktion" hatte, als sie sagte, sie wolle zum Heer. Schließlich kommt sie aus einer Lehrerfamilie, nächstes Jahr macht sie Matura.

Eigentlich suchen Oberleutnant Gattermann und seine Kollegen im Heerespersonalamt nicht so sehr nach Leuten wie Vera. Ziel des Ausflugs nach Großmittel, wo Panzergrenadiere beheimatet sind: Leute rekrutieren für die sogenannten Kaderpräsenzeinheiten. Man verpflichtet sich für drei Jahre, mindestens ein halbes davon im Ausland. Für Maturanten gibt es attraktivere Jobs beim Heer. "Wir richten uns an Männer mit 17, 18 Jahren, die vor dem Grundwehrdienst stehen. Und natürlich auch an Arbeitslose, keine Frage", sagt Gattermann.

In Großmittel treffen nicht nur rund 150 Job-Suchende ein - die meisten sind nicht mit dem Bus, sondern privat angereist. Nein, in Großmittel ist Traditionstag, eine Leistungsschau mit derbem Charme und allerlei Folklore. Ein paar hundert Schaulustige sind gekommen. Junge Frauen, die Kinderwägen vor sich herschieben, und Väter, neben denen kleine Buben in Camouflage-Kluft trippeln, dazwischen schlürft mancher Senior zufrieden sein Bier.

Volksfeststimmung

Es wird angelobt und musiziert, gesungen und marschiert. Bei einer Gefechtsvorführung wird ein wilder Kampf zwischen Soldaten und Vermummten inszeniert. "Wenn's die Terroristen niederhauen, das musst dir anschauen", sagt ein Vater zu seinem kleinen Sohn. Nach dem Schaukampf - wie bei Winnetou-Spielen siegt das Gute (= das Bundesheer) - riecht es nach Schießpulver, Rauchschwaden wehen über mit Sportkapperln bedeckte Häupter. Eltern stellen sich mit ihren Kindern zum Panzerfahren an oder pilgern zur Gulaschkanone. Ein junger Vater legt großzügig zwei Euro freiwillige Spende für sein Gulasch hin. "Ihr brauchts es ja, die Eurofighter waren so teuer." Das Bundesheer weiß, was gefällt: Brot und Spiele.

Madu ist nicht zum Vergnügen gekommen. Er hofft auf einen Job beim Bundesheer, "hoffentlich geht alles gut", sagt der gebürtige Nigerianer. Früher habe er bei einem Sicherheitsdient gearbeitet, nun geht der 25-Jährige nur mehr regelmäßig zum AMS. "Da kriege ich aber nur Jobs in der Reinigung, schlecht bezahlt, nur für drei Wochen." Eine Voraussetzung erfüllt er auf jeden Fall: die Staatsbürgerschaft. Ausländer und ehemalige Zivildiener berücksichtigt das Bundesheer von Gesetzes wegen nicht.

Motivation: Geld

Aber nicht nur Arbeitslose sinnieren über ein besseres Leben beim Heer. Ein junger Maschinenbautechniker aus Baden würde gern umsteigen - und künftig Panzer reparieren. Ob er es macht, weiß er noch nicht: "Eine reine Geldfrage." Einen Auslandseinsatz kann er sich nur schwer vorstellen. "Ich kann ja meine Freundin nicht ein halbes Jahr allein lassen."

Das Bundesheer kennt diese Sorgen. "Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder", erwähnt Major Rupert Hütter bei seinem Vortrag gleich als erstes. Damit will er sagen: Meine Ehe hat den Kosovo überlebt. Jetzt ist Job-Präsentation: Hütter macht Werbung für die Panzergrenadiere, Oberleutnant Gattermann für das Leben als Kadersoldat. Drei Jahre Verpflichtung - das heißt auch drei Jahre ein sicherer Job, 1847 Euro brutto im Monat plus Überstunden und Dienstreisen. Und der Kosovo, erzählt Hütter, habe wirklich eine schöne Landschaft, auch wenn "die Bevölkerung in diesem Land zur Waffe eine eigene Beziehung hat".

Maturanten dürfen mehr

Nach dem Vortrag ist 16-jährige Roswitha schwer verärgert. Nicht wegen des Vortrags, sondern weil sie mitbekommen hat, dass sie auf die Bundesheer-Schnupperwoche im August nicht mitfahren darf. "Die nehmen nur Schüler und Maturanten", schnaubt Roswitha, die eine Tischler-Lehre macht. Die Werbung des Heeres kommt dennoch an. 15 Personen unterschreiben gleich noch am selben Tag ihre Freiwilligenmeldung (für ein Jahr), 30 weitere bekunden Interesse.

Michael ist einer davon. Der gelernte Spediteur wurde vor drei Monaten gekündigt. Beim Heer anheuern "klingt nicht schlecht, und vom Geldverdienen her ist es ein Wahnsinn". In Großmittel meint ein Soldat unverhohlen: "Viele, die ihre sechs Monate beim Bundesheer abdienen, verlassen uns, dann finden sie nichts und kehren wieder zu uns zurück."

Seinen Grundwehrdienst bei der Garde hat Michael zwar nicht in bester Erinnerung, "aber im Nachhinein fehlt's". Und in seiner Speditionsfirma war er ohnehin nicht glücklich. "Die Alten haben die Jungen in meiner Firma rausgemobbt, weil's Angst um den eigenen Job haben. In der Privatwirtschaft hast du das Kameradschaftliche nicht, beim Bundesheer schon." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 11.8.2009)

  • Oberleutnant Gattermann erklärt den Bundesheer-Aspiranten das Programm in Großmittel: "Wer etwas sucht, einfach irgendwen fragen, der in Grün herumrennt!"
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Oberleutnant Gattermann erklärt den Bundesheer-Aspiranten das Programm in Großmittel: "Wer etwas sucht, einfach irgendwen fragen, der in Grün herumrennt!"

  • Vera (ganz rechts), Roswitha (zweite von links) und ihre Freundinnen peilen eine Karriere beim Heer an.
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Vera (ganz rechts), Roswitha (zweite von links) und ihre Freundinnen peilen eine Karriere beim Heer an.

  • Arbeitsloser Madu: Hoffen auf eine bessere Zukunft beim Bundesheer.
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Arbeitsloser Madu: Hoffen auf eine bessere Zukunft beim Bundesheer.

  • Frauen und Kinder zuerst: Der Junior übt sich an der Panzerfaust, manche Mutter greift lieber zum Sturmgewehr.
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Frauen und Kinder zuerst: Der Junior übt sich an der Panzerfaust, manche Mutter greift lieber zum Sturmgewehr.

  • Begeisterung bei Jung und Alt: "Den Kindern taugt das Panzerfahren", sagt ein Besucher.
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Begeisterung bei Jung und Alt: "Den Kindern taugt das Panzerfahren", sagt ein Besucher.

  • Wenn die Soldaten in Großmittel marschieren, ist ihnen Beifall gewiss.
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Wenn die Soldaten in Großmittel marschieren, ist ihnen Beifall gewiss.

  • Roswitha, der Lehrling, und Ulan, der Schützenpanzer.
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Roswitha, der Lehrling, und Ulan, der Schützenpanzer.

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