Wo bleibt die emotionale Intelligenz?

11. August 2009, 13:21
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Alle Jahre wieder schneiden Frauen bei den medizinischen Eignungstests schlechter ab - Soziale Fähigkeiten sind dort nicht gefragt

Sind Männer einfach die besseren Ärzte? Oder werden Frauen durch die Fragestellungen bei den medizinischen Eignungstests wirklich benachteiligt? Sieht man sich die Auswertungsergebnisse an, sind die männlichen Medizinstudenten ab Herbst zwar leicht in der Überzahl, dadurch allerdings davon auszugehen, dass Frauen nicht dieselben Chancen hätten, Medizin zu studieren, ist eine glatte Übertreibung. Es finden sich wohl ebenso viele Gegenbeweise aus anderen Berufssparten, in denen Männer subjektiv benachteiligt sind, da sie offenbar andere Voraussetzungen mitbringen als ihre Geschlechtsgenossinnen - etwa bei der Aufnahme an pädagogischen Hochschulen. Mediale Berücksichtigung findet das in den seltensten Fällen.

Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang eher die generelle Frage nach der Sinnhaftigkeit einer kollektiven Massenprüfung. Schon klar, die Medizin-Unis werden überrannt und können aufgrund ihrer Kapazitäten nicht jeden und jede aufnehmen. Unabhängig davon, ob diese Zugangsbeschränkungen nun wirklich der Weisheit letzter Schluss sind, sollte man aber einmal darüber nachdenken, was denn hier beim Eignungstest eigentlich überprüft wird und inwiefern dies dem Berufsbild eines Arztes zuträglich ist.

Klar ist, Medizin-Studierende sollten in naturwissenschaftlichen Fächern absolut firm sein. Wer die Biologie oder Chemie-Matura nicht bestanden hätte, wird wohl auch während des Studiums auf erhebliche Hürden stoßen. Doch es reicht nicht, nach der Matura einfach so einmal den Eignungstest zu schreiben, mittlerweile hat sich ein ganzer Geschäftszweig entwickelt, der die angehenden Studierenden optimal auf das Ereignis vorbereiten will. Wer also keine 300 bis 800 Euro für so einen Kurs berappen will, der kann schon einmal mit einem Punkterückstand rechnen. Wenn es schon von Seiten der MedUni Wien heisst, dass Burschen durch die zwangsweise einjährige Pause nach der Schule Vorteile beim Test hätten, dann kann man sich ausmalen, wieviel Vorteile eine langfristige Vorbereitung bringen kann. Das hat dann aber nichts mehr mit Intelligenz, sondern mit reinem Lernvermögen zu tun.

Bei alledem bleibt jedoch ein sehr wichtiger Punkt auf der Strecke. Die emotionale Intelligenz, die wohl bei keinem Beruf so wichtig und ausschlaggebend ist, wie bei einem Arzt. Was nützt es, wenn die angehende Mediziner später als wandelnde Lexika und Auswendiglerner nicht richtig kommunizieren und reflektieren können? Ein Patient wünscht sich keinen Arzt, der während des Studiums binnen kürzester Zeit ganze Wälzer auswendig lernen konnte. Er wünscht sich einen Arzt, der einfühlsam ist, Sicherheit ausstrahlt, aber auch weiß, was er nicht weiß; Fehler eingestehen kann.

Wenn schon die Eignung geprüft wird, dann sollten die angehenden Mediziner auch auf ihre sozialen Fähigkeiten hin getestet werden und nicht nur Muster ordnen und Fakten auswendig lernen. Das muss auch nicht mit erheblichem administratorischem Aufwand verbunden sein. So könnten etwa jene, die später als Arzt oder Ärztin arbeiten wollen, während des Zivildienstes oder innerhalb eines sozialen Jahres ihre Fähigkeiten bei der Patientenbetreuung unter Beweis stellen.

Würde nebst dem obligatorischen Eignungstest also auch die emotionale Intelligenz zum ausschlaggebenden Faktor, dann würde sich die Studienanfänger-Quote vielleicht auch in die gegenteilige Richtung verschieben. Eine Geschlechter-Quote oder gesonderte Bewertung der Frauen würde sich dann von selbst erübrigen. (Teresa Eder/derStandard.at, 11.08.2009)

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