Lomo oder der Fortbestand des Analogiekults

11. August 2009, 09:49
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Wer eine Lomo nutzt, dem ist vorher nicht wichtig, zu wissen, was er gerade auf den Film bannt

Schaut man im Alltag oder Urlaub um sich herum, hat es den Anschein, dass auf der ganzen Welt digital fotografiert wird. Stimmt und stimmt nicht. Denn über den ganzen Globus verteilt gibt es eine wachsende Zahl von Lomo-Fans, die nichts Schöneres kennen, als mit einem etwas antiquiert anmutenden Gerät die Wirklichkeit auf Brom und Silber zu bannen.

Hingabe an Moment und Geduld

Allesamt Menschen, die in unserer schnelllebigen (digitalen) Welt noch etwas gemeinsam haben: Hingabe an den Moment und Geduld, auf das ausgearbeitete Ergebnis ihrer gern "aus der Hüfte" geschossenen Bilder warten zu können. "Nein, Lomo-Fotografen sind keine Technikverweigerer, und in der Digitalfotografie sehen wir keine Konkurrenz", sagt Florian Moritz im Gespräch mit dem Standard. Moritz ist Marketingleiter der Lomographischen AG, die ihren Sitz im 15. Wiener Gemeindebezirk hat. Er und 150 Kolleginnen und Kollegen weltweit (60 davon in Wien) haben sich in den vergangenen 17 Jahren mit Herz und Seele der russischen Kleinbildkamera aus der ehemaligen "Leningradskoye Optiko Mechanichesckoye Obyedinenie" verschrieben. Eigentlich vielmehr als das.

Leben gerettet und Kult gemacht

Die Gründer und heutigen Vorstände der Lomographischen AG, Matthias Fiegl und Wolfgang Stranzinger, haben dem simplen Knipsapparat aus der St. Petersburger Optikfabrik Lomo das Kameraleben gerettet und daraus einen Kult gemacht. Ein paar Jahre nach der Wende war's, als den beiden damaligen Studenten in Prag die Sowjet-Knipse in die Hände fiel - und sie ihr verfielen. 1984, also vor 25 Jahren, war die Lomo LC-A (mit 32mm-Objektiv der Lichtstärke 2,8 sowie variabler Blende und einer Belichtungsautomatik, die auch lange Belichtungszeiten ermöglicht) als Konkurrenzprodukt zur japanischen Kompaktkamera Cosina CX-2 in Serie gegangen. Damit jedermann einfach, gut und vollautomatisch die Errungenschaften der kommunistischen Welt für die Nachwelt auf Celluloid bannen konnte.

Nachfrage sank ins Bodenlose

75 Rubel kostete der aus 450 Einzelteilen zusammengebaute Kompaktling mit Plastikgehäuse, kein Billigsdorfer angesichts durchschnittlicher Monatslöhne von 175 Rubel. Mit der Wende und Auflösung der Sowjetunion kamen die Japankameras, die Nachfrage nach den Lomos sank ins Bodenlose, das Werk stand kurz vor dem Aus. Doch da hatten Fiegl und Stranzinger in Wien schon solchen Appetit auf den Schnappschussapparat mit seinen langen Belichtungszeiten und seinem Verwacklungs- und Bildserieneffekt gemacht, dass sie mit dem damaligen St. Petersburger Vizebürgermeister Wladimir Putin um den Fortbestand des Werks und Exklusivvermarktungsrechte verhandelten. Bis 2005 wurde noch in den Lomo-Werken gefertigt. Dann verlegten die Lomo-Vermarkter die Produktion nach China, wo seither an einem geheim gehaltenen Ort produziert wird.

Zwischen 40 und 500 Euro

Auf vier bis fünf Millionen Stück schätzt Marketingleiter Moritz die Zahl der weltweit genutzten Lomos, die es in Preisklassen von 40 bis 500 Euro gibt. Konkrete Stückzahlen der pro Jahr verkauften Geräte verrät er zwar nicht. Doch heuer soll der Umsatz mit Kameras und reichhaltigem Zubehör um knapp 20 Prozent auf mehr als 16 Millionen Euro steigen. Profitabel? "Natürlich sind wir das", antwortet Moritz. Vertrieben werden die Produkte über Online-und Museumsshops und sogenannte Embassy-Stores in Metropolen. Zum 25-Jahr-Jubiläum erschien heuer das 664 Seiten dicke, 3,75 Kilo schwere Lomo-LC-A-Buch mit 3000 Fotos der weltweit auf mehr als eine halbe Mio. Leute geschätzten Lomo-Community. Dort ist zu sehen, was Lomographie ausmacht: das Unvorhersehbare eines unkontrollierten Augenblicks.(Karin Tzschentke/DER STANDARD, Printausgabe vom 11.8.2009)

  • Kontrollierender Blick auf das soeben Fotografierte ist bei Aufnahmen mit einer analogen Lomokamera nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht im Sinne des Lomo-Kults.
    montage: der standard

    Kontrollierender Blick auf das soeben Fotografierte ist bei Aufnahmen mit einer analogen Lomokamera nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht im Sinne des Lomo-Kults.

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