Mit Souffleuren in die Josefstadt

11. August 2009, 16:38
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Budapests achter Bezirk sieht selten Touristen. Kein Wunder, denn um die Rolle der Józsefváros zu verstehen, braucht es zwei erfahrene Einsager

Flink zieht Gyuri Baglyas eine Streichholzschachtel aus seiner Tasche und hält sie hoch. Die Zünder sollen nämlich, genauso wie der Kugelschreiber und der Hubschrauberrotor, eine Erfindung aus Ungarn, ja sogar aus dem Bezirk sein. Fest steht: In den Händen von Gyuri und seiner Kollegin Manó Domján, zwei Budapester Soziologen, bringen sie ein wenig Licht in die Geschichte der Józsefváros.

Seit einem Jahr führen die beiden interessierte Besucher durch den 8. Bezirk in Budapest - die Josefstadt. Um ihnen von den vielen Erfindern und Unternehmern zu erzählen, die hier lebten, vor allem aber von der Neuerfindung Ungarns selbst, denn dafür ist das Revier wirklich gut geeignet.

Obwohl die Josefstadt bereits im Jahr 1777 unter Maria Theresia gegründet wurde, begann ihr Aufschwung erst im Jahr 1846, als das Ungarische Nationalmuseum hier fertiggestellt wurde. Zwei Jahre später, im März 1848, wurde das Museum zu einem Zentrum des Aufbegehrens gegen die Vorherrschaft Österreich. "Dieser Aufstand der Ungarn ist zwar gescheitert, aber man hatte an ungarischer Identität gewonnen, war stolz darauf, dass ungarische Architekten mit ungarischem Geld hier ein Nationalmuseum errichtet hatten", erzählt Gyuri Baglyas.

Schon bald darauf galt es als besonders schick, hier ein Haus zu beziehen - so bezeugte man sein "Ungarntum". Vor allem in der Bródy-Sándor-Straße reihen sich diese Bürgerpaläste fast nahtlos aneinander. In ihren Kellern finden sich zum Teil noch einige der ältesten Pester Handwerksbetriebe und Schmiedewerkstätten.

Direkt am Nationalmuseum beginnt dann der rund zweieinhalbstündige Rundgang mit Manó und Gyuri, die anhand einer selbst erstellten Zeitleiste die mehr als 1000-jährige Geschichte Ungarns kompakt aber informativ Revue passieren lassen. Wie bitter es gewesen sein muss, dass Ungarn nach dem 1. Weltkrieg fast zwei Drittel des alten Staatsgebiets verlor, illustrieren die beiden Soziologen auf unverwechselbare Weise.

Der Dolce-Vita-Import

Durch diese Abtrennung ging Ungarn auch all seiner Süßwarenfabriken verlustig. Notgedrungen versuchte sich eine Brauerei darin, Zuckerln herzustellen. Das Resultat war ungenießbar. Ein italienischer Süßwarenproduzent half aus der Misere - er ließ die misslungenen Exemplare einschmelzen, gab ordentlich Menthol dazu und fügte, um eine einheitliche Farbe zu erhalten, noch pechschwarze Kohle hinzu. Es war dies die Geburt des "Negro", einer Sorte, die bis heute in Ungarn äußerst beliebt ist.

In der feinen Bródy-Sándor-Straße steht übrigens auch Ungarns erstes Parlament, heute ist es der Sitz des Italienischen Instituts. Das Parlamentsgebäude ist im Jahr 1865 innerhalb von vier Monaten aufgebaut worden, weil die Habsburger das so angeordnet hatten. Um diesen ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten, rückte der Baumeister zeitweise mit bis zu 3000 Arbeitern an. Diese zogen das Gebäude, das heute noch auf dem 20.000-Forint-Schein abgebildet ist, dann tatsächlich rechtzeitig hoch. "Sie hatten nicht einmal Zeit einen Plan zu machen, aber nach vier Monaten, am 9. Dezember 1865, war alles fertig", erklärt Gyuri. Am 10. Dezember sollte sich das Parlament erstmals im neuen Gebäude versammeln, doch die Wände waren noch feucht. Man wich einfach ins Nationalmuseum aus.

Das Museum scheint nach der Eröffnung ein wahrer Magnet für die Pester Bürger gewesen zu sein, der Adel zog kurz ins Trendviertel und dann gleich wieder aus. Das noble Haus eines Likörfabrikanten, dessen Sohn im Keller eine Wasserrezeptur entwickeln wollte, die ewiges Leben garantiert, findet man hier ebenso wie die Zentrale des ungarischen Rundfunks. Zuerst in nur einem Haus untergebracht, bezog die Rundfunkanstalt dann die besten Adressen im Viertel - den Esterházy- und den Károlyi-Palast. Und im Festetics-Palais, dem Anwesen einer alten österreichisch-ungarischen Adelsfamilie, ist heute die deutsch-ungarische Universität untergebracht, wo sich Studierende in europäische Studien vertiefen. Im József-Törley-Palast residierte übrigens jener Mann, der Ende des 19. Jahrhunderts das gut gehütete Geheimnis der Champagnerproduktion vom französischen Reims nach Ungarn brachte. Nahezu jedes Haus, jede Tafel und jeder Stein hier im noblen Teil des achten Bezirks, konnte sich, so scheint es, eine Geschichten bewahren. Manó und Gyuri können sie erzählen.

Die beiden machen nun Halt vor einer Gedenktafel für Kármán Todor, einem in Ungarn geborenen Ingenieur und Wissenschafter, dem die Welt etwa zwanzig bedeutsame Entwicklungen im Bereich Luft- und Raumfahrt sowie der Raketentechnik verdankt. Sie dürften tatsächlich wichtig gewesen sein, denn nach Todor wurde sowohl auf dem Mond wie auf dem Mars immerhin je ein Krater benannt.

Nur wenige hundert Meter vom Nationalmuseum entfernt verändert sich die Szenerie: Als die Gruppe einen Hinterhof betritt, klaffen in den Wänden Einschusslöcher - und dennoch bleibt er einer der schönsten Patios, die sich die Josefstadt bewahrte. Ein Teil der Löcher stammt noch aus dem Januar 1945, als die russische Armee sich Haus für Haus vorkämpfte und Budapest dann einnahm.

Elf Jahre später, im Jahr 1956, kamen die Russen hierher zurück, diesmal mit dem Auftrag, Revolutionäre zu suchen. "Dort oben am Fenster, wo sich rund 100 Einschusslöcher finden, wohnte einer von ihnen", erzählt Gyuri, bevor er mit der Gruppe weiterspaziert zum Frank-Zappa-Café, wo der Musiker vor gut zwei Jahrzehnten einmal gespielt haben soll. "Zu Zeiten des Kommunismus war die Bar ein illegaler Treffpunkt für Oppositionelle", ergänzt er.

Masterplan ohne Musiker

In der Tavaszmezö utca residiert heute das ungarische Parlament der Roma. Gleich nebenan wohnen Eva und Kálmán Kiss, ein Paar, das seit Jahrzehnten im achten Bezirk lebt. Die beiden sind der Auffassung, dass sich die Josefstadt nicht nur zu ihrem Vorteil verändert hat, auch wenn für die Sanierung der äußeren Viertel des Bezirks nun eine Art Masterplan erstellt wurde. "Früher gab es hier viel mehr Hotels und Gaststätten, die Musikern eine Auftrittsmöglichkeit anboten. Heute ist das alles schwieriger geworden", weiß Eva Kiss, deren Mann seit Jahrzehnten als professioneller Geigenspieler tätig ist.

Roma, die nicht im Klischee behafteten Musikgeschäft tätig sind, stellen hier dennoch längst die Mehrheit und sind nur eine von zahlreichen ethnischen Gruppen, die den Bezirk zu Budapests vielleicht einzigem multikulturellen Stadtteil machen. Auf einem ehemaligen Gelände der ungarischen Eisenbahn hat sich hier in den 1990er-Jahren Ungarns größter asiatischer Markt etabliert. Wie sieht es dann heute mit der sagenhaften Anziehungskraft der Josefstadt auf die Budapester aus? "Es gibt viele, die auf die Roma und auf die Einwanderer herabschauen, sie für Menschen zweiter Klasse halten. Mit unseren Stadtrundgängen wollen wir auch Vorurteile abbauen", beantwortet Gyuri die Frage. Soziologen als Stadtführer sind freilich eine Minderheit, und viele gibt es nicht, die ihre Abschlussarbeit über die Roma in Budapest geschrieben haben. (Florian Flieger/DER STANDARD/Printausgabe/8./9.8.2009)

  • Mit dem Zug erreicht man Budapest vom Wiener Westbahnhof im
Zwei-Stunden-Intervall nach einer Fahrzeit von drei Stunden. Für
Reisende aus Westösterreich sind die "Railjet"-Verbindungen
interessant, da das Umsteigen in Wien entfällt - Fahrzeit von Salzburg:
etwas weniger als sechs Stunden. Die Schnellzüge kommen am Budapester
Ostbahnhof (Bild) an, und damit befindet man sich bereits am Eingang zur
Josefstadt. Die Budapest-Karte (für die freie Fahrt mit den Öffis und
Vergünstigungen in 60 Museen) kostet umgerechnet rund € 23 für 48
Stunden, es gibt auch eine 72-Stunden-Karte. Touristische Infos der
Stadt: www.budapestinfo.hu/de
    foto: alanford/wikipedia.org

    Mit dem Zug erreicht man Budapest vom Wiener Westbahnhof im Zwei-Stunden-Intervall nach einer Fahrzeit von drei Stunden. Für Reisende aus Westösterreich sind die "Railjet"-Verbindungen interessant, da das Umsteigen in Wien entfällt - Fahrzeit von Salzburg: etwas weniger als sechs Stunden. Die Schnellzüge kommen am Budapester Ostbahnhof (Bild) an, und damit befindet man sich bereits am Eingang zur Josefstadt. Die Budapest-Karte (für die freie Fahrt mit den Öffis und Vergünstigungen in 60 Museen) kostet umgerechnet rund € 23 für 48 Stunden, es gibt auch eine 72-Stunden-Karte. Touristische Infos der Stadt: www.budapestinfo.hu/de

  • "Budapest beyond Sightseeing" nennt sich das Angebot zu fachlich fundierten Stadtführungen der beiden Soziologen Gyuri Baglyas und Manó Domján. Drei Themen führen mit je einer Tour in eineinhalb bis zweieinhalb Stunden durch die Josefstadt - mit einem Fokus auf soziokulturelle Besonderheiten, auf zeitgenössische Kunst oder auf das Nachtleben im Achten. Die Spaziergänge sind umgerechnet ab € 11 pro Person zu haben und beginnen immer beim Nationalmuseum (Múzeum körút 14-16) um 10 Uhr. Toursprache ist Englisch, Voranmeldung ist erforderlich. Alle Kontaktinformationen und Tourenbeschreibungen findet man unter: www.beyondbudapest.hu
    foto: budapest beyond sightseeing

    "Budapest beyond Sightseeing" nennt sich das Angebot zu fachlich fundierten Stadtführungen der beiden Soziologen Gyuri Baglyas und Manó Domján. Drei Themen führen mit je einer Tour in eineinhalb bis zweieinhalb Stunden durch die Josefstadt - mit einem Fokus auf soziokulturelle Besonderheiten, auf zeitgenössische Kunst oder auf das Nachtleben im Achten. Die Spaziergänge sind umgerechnet ab € 11 pro Person zu haben und beginnen immer beim Nationalmuseum (Múzeum körút 14-16) um 10 Uhr. Toursprache ist Englisch, Voranmeldung ist erforderlich. Alle Kontaktinformationen und Tourenbeschreibungen findet man unter: www.beyondbudapest.hu

  • Noch gibt es wenige gute Hotels in der Josefstadt. Das Hotels Palazzo Zichy (Bild) war eines der ersten, das das Potenzial der alten Palais hier erkannte und das Haus in ein Boutique-Hotel verwandelte. Es liegt westlich der József-Straße und damit in der inneren Josefstadt, die gerade einen ersten zaghaften Boom erlebt. Die Doppelzimmerpreise inklusive Frühstück beginnen bei rund € 100: www.hotel-palazzo-zichy.hu
Vom Dach des ehemaligen Kaufhauses "Corvin" bekommt man einen guten Eindruck, wie sich das Viertel wieder entwickelt - das "Corvintetö" am Blaha-Lujza-Platz ist dort bereits Trendbar mit Retro-Charme geworden; Info: http://corvinteto.hu
 
    foto: hotel palazzo zichy

    Noch gibt es wenige gute Hotels in der Josefstadt. Das Hotels Palazzo Zichy (Bild) war eines der ersten, das das Potenzial der alten Palais hier erkannte und das Haus in ein Boutique-Hotel verwandelte. Es liegt westlich der József-Straße und damit in der inneren Josefstadt, die gerade einen ersten zaghaften Boom erlebt. Die Doppelzimmerpreise inklusive Frühstück beginnen bei rund € 100: www.hotel-palazzo-zichy.hu

    Vom Dach des ehemaligen Kaufhauses "Corvin" bekommt man einen guten Eindruck, wie sich das Viertel wieder entwickelt - das "Corvintetö" am Blaha-Lujza-Platz ist dort bereits Trendbar mit Retro-Charme geworden; Info: http://corvinteto.hu

     

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