Spießiger Luxus

10. August 2009, 19:42
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Eines Nachts brannte ein Bootsschuppen plötzlich ab und alsbald wurde das neue Superding gebaut, das den künftigen Eigentümern "Luxury Living" verheißt

Die heurige Badesaison im Wiener Gänsehäufel begann mit einem Schock. Der Blick von meiner Weststrand-Kabine auf eines der für mich schönsten Panoramen Wiens ist kaputt. Mitten in der Aulandschaft mit ihren kleinen Holzhäuschen erhebt sich neuerdings ein Riesenklotz von Wohnanlage. Luxus-Eigentumswohnungen sollen hineinkommen.

Denkmalamt, wo warst du, als dieses Monstrum gebaut wurde ? Noch nie etwas von Ensembleschutz gehört? Aber dieser gilt offensichtlich nur für Canaletto-Ansichten und Biedermeierwinkel. Die versteckten Schönheiten der Großstadt fallen nicht darunter. In diesem Fall lag der Reiz der Gegend im Kontrast. Am Ufer der Alten Donau Schrebergärtchen, kleine Bootsverleihe, ein ländliches Wirtshaus. Ein schmaler Nebenarm des Flusses, von Weiden überhangen. Eine alte Holzbrücke, von der die Buben ins Wasser sprangen. Eine proletarische Idylle. Und dahinter wie eine Kulisse die hochaufragenden Bauten der UNO City. Wunderschön.

Aber eines Nachts brannte ein Bootsschuppen plötzlich ab und alsbald wurde das neue Superding gebaut, das den künftigen Eigentümern "Luxury Living" verheißt. Vier Etagen. Darf man so etwas überhaupt in eine Kleinhäuslerlandschaft hineinbauen? Ja, sagt das Flächenwidmungsamt. 7,5 Meter Höhe plus Dach sind erlaubt. Und als "Dach" gelten auch zusätzliche Stockwerke, wenn sie ein wenig zurückgesetzt sind. Dass das Ganze scheußlich aussieht, ist nicht verboten.

"Uns gefällt's nicht", sagt eine Anrainerin. "Und es passt auch nicht zu uns."

Das stimmt. Und das ist es auch, was diese Veränderung so problematisch macht. Ein Kleine-Leute-Paradies wird still und leise zum Luxusareal gemacht. Ein Stück weiter ist ein weiterer Millionärssilo entstanden, mit direktem Zugang zum Wasser. Der kleine Badesee mit seinen Seerosen, bisher allgemein zugänglich, wird künftig den Wohnungseigentümern vorbehalten sein. Aus Wiesen werden Tennisplätze. Alles werde supertoll, schwärmt der Immobilienmakler. Eine paar supertolle Leute hätten sich schon angemeldet. Und die ursprünglichen Bewohner, die weniger supertollen Leute, könnten ja schließlich ins nahe Gänsehäufelbad schwimmen gehen.

Es war und ist eine der großen Kostbarkeiten der Stadt, vom Roten Wien der Zwischenkriegszeit vorbildlich gefördert, dass man hier auch mit wenig Geld in Würde leben und Schönheit genießen kann. Das Country-Club-Prinzip - Schönheit nur für Betuchte - ist das Gegenteil davon.

Das Letzte, was wir brauchen, ist, dass diese Mentalität nun auch hierzulande einzieht. Die Gründe rund um die Alte Donau gehören übrigens dem Stift Klosterneuburg. Das macht die Sache nicht besser, sondern schlechter. Wo, wenn nicht in einem Kloster, sollte man eigentlich wissen, dass Geld nicht alles ist ?

Dabei ist der neue Luxus nicht einmal wirklich schön. Sein Gestaltungsprinzip heißt: protzig, aber spießig. Das Gegenmodell, das er verdrängt, lautet dagegen: einfach, aber großzügig. Wir sollten diese Kultur schätzen und dafür sorgen, dass sie nicht gänzlich verschwindet. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD-Printausgabe, 11.8.2009)

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