Barrieren in der Stadt und in den Köpfen

10. August 2009, 19:29
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80 bis 90 Prozent aller Lokale seien für Rollstuhlfahrer nicht oder nur schwer zugänglich, sagt der Verein Bizeps. Die Gründe: alte Bausubstanz, die nur schwer umzubauen ist, Kompetenz-Wirrwarr und mangelnde Kontrolle.

Wien - Wenn Cornelia Scheuer aus dem 15. Wiener Gemeindebezirk in die nächste Bankfiliale will, versperrt ihr eine Stufe beim Eingang den Weg. Erst wenn sie an der Behinderten-Glocke läutet und ihr jemand zu Hilfe kommt, kann sie die Bank betreten. Solche Situationen sind für die 39-jährige Rollstuhlfahrerin nichts Neues. Die Beraterin bei der Behinderten-Beratungsstelle Bizeps wird täglich mit Barrieren konfrontiert, die den meisten Menschen so wahrscheinlich nie aufgefallen wären.

Egal, ob in Restaurants, Geschäften oder Kinos: Bauliche Barrieren, wie nicht abgeschrägte Gehsteigkanten, schwere Türen oder hohe Eingangsschwellen, finden sich in Wien zur Genüge, heißt es bei Bizeps. "Unserer Schätzung nach sind etwa 80 bis 90 Prozent der Lokale und Restaurants nicht barrierefrei", sagt Manfred Srb, Diplomsozialarbeiter bei Bizeps und ehemaliger grüner Nationalratsabgeordneter.

Bei der Stadt Wien begründet man diesen Umstand damit, dass in einer historisch gewachsenen Millionenstadt Barrierefreiheit nicht "von heute auf morgen" erreicht werden könne. Barrierefreiheit sei aber auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen. Srb sieht im Vergleich mit anderen europäischen Ländern noch Verbesserungspotenzial: "Deutsche Großstädte sind barrierefreier als Wien, gleichfalls besser sieht es in Skandinavien oder in Großbritannien aus". Grünen-Behindertensprecherin Helene Jarmer, die erst kürzlich als erste gehörlose Abgeordnete ins Parlament eingezogen ist, plädiert für schrittweise Schaffung von Barrierefreiheit. "Auf jeden Fall sollten alle Um- und Neubauten barrierefrei gestaltet werden."

Stufe nach Umbau

Genau das Gegenteil ist bei einer Bäckerei im 7. Bezirk passiert. Nach einem Umbau hat das Geschäftslokal, das sich in der Nähe von Bizeps befindet, plötzlich eine Stufe bekommen. Zwar gibt es einen Behinderteneingang mit einer Rampe, diese ist aber mit einer Steigung von 22 Prozent viel zu steil. Bis zu zehn Prozent sind bei Umbauten laut der in der Wiener Bauordnung verankerten ÖNORM B 1600 erlaubt.

"Wir hatten darauf keinen Einfluss. Das ist Sache der Baubehörde", heißt es in der Bäckerei auf Anfrage des STANDARD. Diese wiederum schiebt die Schuld der zuständigen Baufirma zu: "Es kommt immer wieder vor, dass Baufirmen nicht der Baubewilligung entsprechend agieren." Man wolle sich aber für eine vorschriftsmäßige barrierefreie Umsetzung einsetzen.

Doch wie kann so etwas passieren - trotz Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes, das allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang ermöglichen soll? "Mit diesem Gesetz kann man Barrieren nicht wirklich beseitigen, weiß Helene Jarmer. "Das Baurecht ist Länderkompetenz geblieben, und für Bundesbauten gibt es lange Übergangsfristen."

Barrierefrei laut Bauordnung

Nach aktueller Wiener Bauordnung sollte aber jeder Geschäftseingang für den täglichen Bedarf barrierefrei ausgeführt werden. "Die Bauordnung für Wien müsste dringend novelliert und die Kontrollen der Baupolizei effizienter werden", meint Srb. Es gebe zwar die Möglichkeit, bei Diskriminierung ein Schlichtungsgespräch beim Bundessozialamt und in weiterer Folge auch Klage einzureichen. Doch der geringe Schadenersatz, den das Geschäft schlimmstenfalls zahlen müsse, würde die Barrieren nicht abbauen.

Woran es noch hapern könnte: "Barrierefreies Bauen ist noch immer nicht verpflichtend in die Architekturausbildung integriert. 85 Prozent der Architekturabsolventen haben keine Ausbildung in barrierefreien Gestaltungsgrundsätzen und -details", erklärt Architektin Monika Klenovec vom Zentrum für barrierefreie Lebensräume "design for all". Das Argument, barrierefreies Bauen sei zu teuer, gelte aber nicht. Laut einer Studie der ETH Zürich verursacht barrierefreies Bauen bei Neubauten Mehrkosten von weniger als zwei Prozent der Bausumme. Teuer sei nur das Umbauen im Nachhinein.

Award für Architekten

Für den Salzburger Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler liegt das Problem im mangelnden Bewusstsein. "Man merkt zwar schon, dass etwas gemacht wird, aber das ist noch weit von dem entfernt, wo es sein sollte. Wir sollten generell barrierefreier gestalten." Er wolle aber kein "jammernder" Rollstuhlfahrer sein, sondern sich lieber auf positive Beispiele konzentrieren. Genau aus diesem Grund unterstützt Geierspichler auch den Schindler Award - ein Preis für barrierefreies Stadtplanen, der alle zwei Jahre für europäische Architekturfakultäten ausgeschrieben wird und zukünftige Architekten zum barrierenfreien Bauen inspirieren soll.

Auch Cornelia Scheuer weiß von einem Positivbeispiel aus ihrer Umgebung zu berichten. In der Nähe ihrer Arbeitsstelle gibt es einen Biosupermarkt, der ihr mit einem elektrischen Türöffner, einer flachen Rampe und breiten Gängen ohne "lästige Stolperkörbe" das Einkaufen enorm erleichtert. Und solange "ihre" Bäckerei nicht wieder barrierefrei ist, holt sie sich die Jause einfach dort. (Nicole Friesenbichler/DER STANDARD-Printausgabe, 11.8.2009)

  • Rollstuhl- und kinderwagengerechte Rampen wie hier im Juridicum der Uni Wien gibt es in der Bundeshauptstadt noch lange nicht genug. Experten fordern Umdenken beim Umbau.
    foto: robert newald

    Rollstuhl- und kinderwagengerechte Rampen wie hier im Juridicum der Uni Wien gibt es in der Bundeshauptstadt noch lange nicht genug. Experten fordern Umdenken beim Umbau.

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    Sportler Thomas Geierspichler: "positive Beispiele belohnen."

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