Die verschleierte Öl-Verknappung

10. August 2009, 19:22
128 Postings

Die jüngste IHS-Studie zum Wirtschaftswachstum fiel sehr optimistisch aus. Erstaunlicherweise wurde darin die Entwicklung der Erdölpreise nicht berücksichtigt - Von Andreas Postner

Ende Juli wurde vom Institut für Höhere Studien eine Prognose zur Wirtschaftsentwicklung 2009 bis 2013 veröffentlicht. Sie beinhaltet wesentliche wirtschaftspolitische Basisdaten wie BIP, Arbeitslosigkeit, Inflation und Reallöhne. Besonders auffallend waren die Prognosen des Wirtschaftswachstums: +2,6 Prozent für 2011, +2,5 für 2012, +2,4 für 2013. Selbst wenn diese Zahlen mit Vorbehalten herausgegeben wurden, benötigen sie dringend nähere Erklärungen.

Es gibt viele Einflussfaktoren, die in ihrem Zusammenspiel diese Prognose-Daten für extrem optimistisch und auch wenig plausibel erscheinen lassen. Ein makro-ökonomischer Indikator scheint bei dieser gewagten Prognose jedoch in seiner elementaren Bedeutung fast gänzlich unterbelichtet, ja völlig ausgeblendet worden zu sein: die Entwicklung des Ölpreises.

IEA, McKinsey, Chatham House, alle drei weltweit renommierten Institute, sagen einen massiven "oil crunch", eine massive neue Ölkrise möglicherweise ab 2010 (IEA) oder für den Zeitpunkt voraus, ab dem sich die Weltwirtschaft wieder erholen sollte. Sie prognostizieren Erdölpreise von 200 Dollar/Barrel (!) etwa ab 2013.

Sie begründen dies damit, dass die gegenwärtige globale Erdölproduktion (ohne Neuproduktion) bereits um etwa - 5,1 Prozent pro Jahr rückläufig ist und dass es nicht möglich sein wird, diese starken Produktionsrückgänge durch neue Erdölfelder bis zu den Jahren 2010 bis 2013 und danach zu kompensieren. Der durch die Weltwirtschaftskrise verursachte Rückgang in den Energie-Investitionen - sowohl bei Erdöl als auch bei erneuerbaren Energien - verschärft die Situation.

Dieser Befund ist eindeutig und erscheint absolut plausibel, da es von der Neuentdeckung eines förderwürdigen neuen Ölfeldes bis zu dem Zeitpunkt, ab dem online neues Erdöl an den Weltmarkt geliefert werden kann, gegenwärtig sechs bis zehn Jahre dauert. Und innerhalb der nächsten sechs Jahre sind weltweit keine neuen Erdölfelder bekannt, die den Rückgang ausgleichen könnten. Also ist die erneute Verknappung der globalen Energiewährung Erdöl innerhalb der nächsten Jahre bereits als unausweichlich anzusehen, trotz Reservekapazitäten der Opec.

2,6 Prozent Wirtschaftswachstum in Österreich legen gegenwärtig ein 2,6 bis 2,8 prozentiges Wirtschaftswachstum im OECD-Raum nahe. 2,6 Prozent bis 2,8 Prozent BIP-Wachstum im OECD-Bereich korrelieren mit etwa 3,4 Prozent bis 4 Prozent globalem Wirtschaftswachstum, da die großen Wachstumsregionen in den Bric-Staaten und den Opec-Staaten mit zu erwartenden deutlich höheren Wachstumsraten liegen.

Wendet man den in einigen Europäischen Banken (u. a. auch Raiffeisen Research) entwickelten Relationsfaktor von 0,6 zwischen globalem Wirtschaftswachstum und globalem Erdölnachfragewachstum an, so bedeuten 3,4 bis 4 Prozent Weltwirtschaftswachstum eine um 2,0 bis 2,4 Prozent pro Jahr steigende Erdölnachfrage. Weder der World Energy Outlook der IEA von 2008 noch die letzte umfassende Untersuchung von McKinsey gestattet ein derartig hohes Erdölnachfragewachstum.

In beiden Untersuchungen werden durchschnittlich - bei größtem Optimismus - etwa nur 1,2 bis längerfristig nur mehr 1,0 Prozent jährliches globales Erdöl-Nachfragewachstum als erfüllbare Größen dargestellt. McKinsey splittet dieses mögliche Nachfragewachstum von etwa 1-1,2 Prozent bei Erdöl in einem Aufteilungsverhältnis von 1:17 (!) zwischen OECD Ländern (1) und Schwellen- und Entwicklungsländern (17). Die Wachstumsprognosen stoßen bei dem in Zukunft deutlich geringeren globalen Erdöl-Angebot an heute bereits klar erkennbare Grenzen.

Vor diesem Hintergrund besteht angesichts der jüngsten IHS-Studie doch einiger Erklärungsbedarf. Es ist ja kaum vorstellbar oder anzunehmen, dass die umfassenden globalen Untersuchungen durch die OECD-Tochter IEA, durch McKinsey oder das London Royal Institute of International Affairs (Chatham House) nicht zugänglich waren.

Offensichtlich müssen die Untersuchungen beispielsweise der IEA weitestgehend ignoriert oder andere, unbekannte Quellen und Analysen für die jüngst veröffentlichte österreichische Prognose des IHS herangezogen worden sein. Wie aber sind Wachstumsprognosen von 2,6 Prozent in Österreich und globale Erdölpreis-Szenarien von nur 80 Dollar/Barrel bis 2013 erklärlich? Um die IHS-Prognosen für Österreich (als Teil der EU-OECD) im Trend erfüllen zu können, müsste bis 2015 mehr als das Dreifache der Erdölproduktion Saudi-Arabiens weltweit neu auf den Markt kommen!

Ohne zu dramatisieren, besteht die Gefahr der Irreführung weiter Kreise der öffentlichen Meinung in Österreich, wenn man die enormen Verknappungs-Probleme bei Erdöl und anderen fossilen Energieträgern ignoriert und die Brisanz der dringend notwendigen System-Transformationen zudeckt. Diese Verschleierung hat bis jetzt in Österreich gefährlich gut funktioniert. Ein ungeschönter Blick in die Energieabgründe ist notwendig. Die IEA fordert eine Energierevolution.

Wenn eine vielleicht psychologisch gut gemeinte Wirtschaftsprognostik in Österreich zu fortgesetzter Verdrängung einer zunehmend paralysiert wirkenden Politik führt, dann steht sehr bald die Zukunftsfähigkeit des Landes ernsthaft auf dem Spiel. Die Botschaften müssten längst andere sein.(DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11.8.2009)

Zur Person: Andreas Postner ist Vorsitzender von "Transform", einem interregionalem Forum für nachhaltige Entwicklung in der Rheintal/Bodensee-Region.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Leere Fässer statt eiserner Reserven: Wesentliche Wirtschaftsinstitute rechnen mit einem baldigen "oil crunch", der die Erdölpreise in die Höhe schnellen lassen wird. Andreas Postner: "Die Botschaften müssen andere sein."

Share if you care.