160 Jugendliche in Österreich abgängig

10. August 2009, 19:06
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Immer öfter entstehen neben der polizeilichen Fahndung auch private Suchseiten im Internet. Das Bundeskriminalamt plant eine zentrale Vermisstendatei.

Wien - "Liebe Julia, gib bitte ein Lebenszeichen!" Seit drei Jahren wird Julia Kührer aus Pulkau im niederösterreichischen Weinviertel in nationalen und internationalen Vermisstendateien geführt. Die aktive Polizeifahndung läuft vorerst weiter, obwohl sie mittlerweile 19, also erwachsen und laut Gesetz für sich selbst verantwortlich ist. Bis heute ist keine Spur der jungen Frau, die am 27. Juni 2006 auf dem Heimweg von der Schule verschwunden war, aufgetaucht - auch kein eindeutiger Hinweis auf ein Verbrechen. Das Landeskriminalamt bleibt auf Wahrnehmungen aus der Bevölkerung angewiesen. Der eingangs zitierte Aufruf stammt von der Privatinitiative www.findetjulia.org.

Auch die 15-jährige Yvonne F., die vergangene Woche nach eineinhalbjähriger Abgängigkeit bei einer Freundin in Wien entdeckt wurde, war in allen erdenklichen Vermisstendateien verzeichnet. Nach bisherigen Ermittlungen war sie im Jänner 2008 statt zum Nachmittagsunterricht zu ihrem Onkel gefahren und soll seither bei ihm gelebt haben. Der 38-jährige Wolfgang F. gab an, mit seiner Nichte ein intimes Verhältnis gehabt zu haben, er befindet sich in Untersuchungshaft. Ihm droht ein Strafprozess wegen Kindesentziehung und sexuellen Missbrauchs Unmündiger.

Wie berichtet, war der Onkel nach vagen Hinweisen aus der Familie schon einmal befragt worden, laut Polizei ergab sich damals aber kein konkreter Verdacht, dass sich das Mädchen bei ihm befinden könnte. Und da Yvonne auch nach einem früheren Ausreißen von zu Hause nichts von ihrem Onkel erwähnt hatte, gab es keinen stichhaltigen Grund für eine Hausdurchsuchung an seiner Adresse.

Ähnlich war die Situation im Entführungsfall Natascha Kampusch (siehe Artikel unten) gewesen, auch hier war der Täter nach einem Hinweis schon früh überprüft worden. Konkrete Anhaltspunkte, die Hausdurchsuchungen gerechtfertigt hätten, sahen Polizei und Justiz auch damals nicht.

Jahrelang als U-Boot

Im Gegensatz zur Entführung von Natascha Kampusch dürfte die damals 13-jährige Yvonne F. zumindest anfänglich freiwillig bei ihrem Onkel geblieben sein. Er soll gemeinsam mit seiner Nichte mindestens dreimal in Wien die Wohnung gewechselt haben. Es gibt zwar in Österreich eine Meldepflicht, dennoch ist es möglich, jahrelang als U-Boot zu leben. Ob eine einmal korrekt angegebene Adresse noch stimmt, wird nur bei bestimmten behördlichen Anlässen geprüft.

Yvonne F. bleibt vorerst im Krankenhaus. "Ärzte und Betreuer müssen sich ein umfassendes Bild machen, wie es dem Mädchen geht", erklärte am Montag Herta Staffa vom Amt für Jugend und Familie. Der 15-Jährigen gehe es den Umständen entsprechend gut, sie sei erschöpft. Kontakt mit der Familie habe sie bisher noch nicht gehabt: "Das wird in Absprache mit den Eltern erfolgen", so Staffa. Wann dies geschehe, wolle man nicht publik machen - das sei Privatsache. Generell könne man nun immer nur Schritte für die nächsten zwei bis drei Tage überlegen und nicht gleich für einen längeren Zeitraum.

Viele Ausreißer

Laut Innenministerium sind derzeit österreichweit rund 700 Personen im Elektronischen Kriminalpolizeilichen Informationssystem (EKIS) als abgängig ausgeschrieben, 160 davon sind Kinder und Jugendliche. In den meisten Fällen handelt es sich um Ausreißer, die nach ein paar Tagen freiwillig wieder zurückkehren. Langzeitabgängige werden zusätzlich auch im Schengener Informationssystem (SIS) sowie via Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Momentan trifft das neben Julia Kührer auf fünf Minderjährige zu: Die Geschwisterpaare Fatma (5) und Walid (4) Ali sowie Phillipp (9) und Ingrid (12) Ehmann. In beiden Fällen handelt es sich um mutmaßliche Fälle von Kindesentziehung durch den Vater. Auch die knapp fünfjährige Nicole Fuchs aus St. Johann in Tirol wurde laut Bundeskriminalamt von ihrem Vater "mitgenommen", obwohl ihm das Sorgerecht entzogen wurde. Er wird außerdem wegen des Verdachts der Veruntreuung, Unterschlagung, Betrug und Untreue gesucht.

Das Bundeskriminalamt will künftig bei der Suche nach Vermissten stärker mit privaten Organisationen, die gut vernetzt sind, zusammenarbeiten. Noch heuer wird eine zentrale Vermisstendatei geschaffen. (simo/DER STANDARD-Printausgabe, 11.8.2009)

  • Julia Kührer, vor drei Jahren als damals 16-Jährige verschwunden.
    foto: bmi

    Julia Kührer, vor drei Jahren als damals 16-Jährige verschwunden.

  • Nicole Fuchs (5) soll bei ihrem im April untergetauchten Vater sein.
    foto: bmi

    Nicole Fuchs (5) soll bei ihrem im April untergetauchten Vater sein.

  • Ebenfalls Opfer eines eskalierten Obsorgestreites: Walid (4) . . .
    foto: bmi

    Ebenfalls Opfer eines eskalierten Obsorgestreites: Walid (4) . . .

  • . . . und Fatma (5) Ali aus Linz, vermutlich beim Vater in Somalia.
    foto: bmi

    . . . und Fatma (5) Ali aus Linz, vermutlich beim Vater in Somalia.

  • Vor fünf Jahren vom Vater einfach "mitgenommen": Phillipp und . . .
    foto: bmi

    Vor fünf Jahren vom Vater einfach "mitgenommen": Phillipp und . . .

  • . . . Ingrid Ehmann, heute neun und zwölf Jahre alt.
    foto: bmi

    . . . Ingrid Ehmann, heute neun und zwölf Jahre alt.

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