Ratlosigkeit und erneuerter Verdacht um Kampusch

10. August 2009, 18:10
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Disput um mögliche "Lebensgefahr" durch unerkannte Mittäter – und um die Rolle eines Priklopil-Freundes

Wien - Natascha Kampuschs Mediensprecher Dusan Uzelac spricht von einer "verbalen Eskalation, die nur schwer zu stoppen sein wird" . Und ihr Anwalt Gerald Ganzger empfindet die Weiterentwicklung in der Causa als "völlig unverständlich" : Seit Johann Rzeszut, Mitglied der Kampusch-Evaluierungskommission, mit der Meinung an die Öffentlichkeit gegangen ist, die junge Frau könne in Lebensgefahr schweben, herrscht unter den Kampusch-Beratern offenbar Ratlosigkeit.

"Wir fürchten nichts mehr, als in einigen Jahren eine Zeitungsmeldung desInhalts ‚Natascha Kampusch tot aufgefunden‘" , war der Expräsident des Obersten Gerichtshofes am Samstag in Österreich zitiert worden: Gefahr, so Rzeszut, drohe der jungen Frau durch einen möglichen Mitttäter von Entführer Wolfgang Priklopil, der als solcher unerkannt sei.

Diese Person könnte sich "zu finalisierendem Handlungsbedarf entschließen" , wenn sie befürchten müsse, dass Kampusch den Behörden deren Identität mitteilen könnte. Kommissionsleiter Ludwig Adamovich schloss sich Rzeszuts Befürchtungen an. Kampusch solle "alles aufklären" .

Diese jedoch ist vorerst auf Tauchstation gegangen. Laut Uzelac, "weil jetzt jedes Wort, das sie sagt, zu weiteren unnötigen Interpretationen Anlass geben würde." Derzeit, so kritisiert er, finde eine "kontinuierliche und fragwürdige Rollenverschiebung statt: Aus demVerbrechensopfer Kampusch wird zunehmend die Mitschuldige Kampusch." Auch Ganzger mahnt statt Worten Handlungen ein: "Wenn die Gefahr für Frau Kampusch jetzt, drei Jahre nach dem Ende der Entführung, groß ist, soll man den Verdächtigen verhaften." Seine Mandantin sei zu Aussagen bereit, wiederholte er.

Priklopil-Freund in Verdacht

Von konkretem neuerlichem Ermittlungsbedarf imFall Kampusch ist indes in der Wiener Zeitung vonSamstag die Rede. Laut einem namenlos bleibenden Schreiber steht vor allem "der engste Freud Priklopils" - für den die Unschuldsvermutung gilt - im Visier. Dieser sei "von Zeugen bei mindestens zwei Gelegenheiten in Gesellschaft Priklopils und Kampuschs gesehen worden." Auch habe er nach Kampuschs Flucht unter den Augen der Polizei Gegenstände aus Priklopils Haus entfernt.

Zudem gelte es, die Spuren zu einer "Porno-Händlerin" und zu einem "Bundesheeroffizier" weiterzuverfolgen, die von Priklopil während Kampuschs Entführung mehrfach angerufen worden seien. Doch die Oberstaatsanwaltschaft Wien habe, so der Bericht, die "zur endgültigen Beweisführung notwendige" Aussage Kampuschs bisher verhindert - auf Betreiben der "Anwaltskanzlei, die sie vertritt".

"Ich habe von der Oberstaatsanwaltschaft nie etwas verlangt. Frau Kampusch ist bisher siebenmal einvernommen worden. Sie hat sich nie entschlagen" , reagiert Ganzger darauf. Auf die Frage des Standard, ob nun auch gegen den besagten Priklopil-Freund ermittelt werde, sagte Oberstaatsanwältin Ilse-Maria Vrabl-Sanda bloß: "Offene Ermittlungsaufträge werden jetzt erledigt."
(Irene Brickner/DER STANDARD-Printausgabe, 11.8.2009)

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