"Coco Chanel": Der Stoff, aus dem Ikonen sind

10. August 2009, 18:38
11 Postings

Audrey Tautou in "Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft" im Kino

Wien – Als Coco Chanel 1971 im Alter von 87 Jahren starb, war sie längst in die Annalen der Mode eingegangen: Sie hatte in der ersten Jahrhunderthälfte ganz entscheidende Eingriffe in damalige Bekleidungsstile und -vorschriften unternommen. Sie hatte vereinfacht, gelockert, reduziert, den Frauen in und unter ihrer zweiten Haut Bewegungsfreiheit eingeräumt und ihnen simple, aber elegante (und egalitäre) Konzepte wie das vom kleinen Schwarzen an die Hand gegeben.

Der Film "Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft/Coco avant Chanel" hat sich nun vorgenommen, mehr oder weniger frei zu erzählen, wie es dazu kam: Man begleitet die junge Gabrielle (Audrey Tautou), eine mittellose, aber willensstarke Pragmatikerin, die ihren Spitznamen Coco bald nicht mehr los wird, aus dem Hinterzimmer einer kleinen Schneiderei auf einen feudalen Landsitz. Dort, bei ihrem Liebhaber und Gönner Balsan (Benoît Poelvoorde), trifft sie den britischen Spekulanten Capel (Alessandro Nivola), durch den sie nicht nur die Liebe, sondern auch den Jersey kennenlernt. Und so weiter.

Während man der relativ überraschungslosen Abhandlung so zusieht, hat man ein bisschen Zeit nachzudenken. Und da fällt einem bei Coco avant Chanel zum Beispiel auf, dass die französische Kunst und Populärkultur offenkundig nicht wenige weibliche Idole hervorbringt. Und deren Lebensgeschichten dann auch gerne verfilmt, wie etwa Olivier Dahan 2007 mit La vie en rose (La Môme) jene von Edith Piaf.

Eingriff ins Erscheinungsbild

Nicht nur ähneln einander der Blick auf die Lebenswege – aus ärmsten Verhältnissen und von schäbigen Bühnen in den Starhimmel – und Schicksale der Frauen (traumatischer Unfalltod der großen Liebe). Auch geht es in beiden Filmen unter anderem um die (Selbst-)Erfindung als Ikone, um reduktionistische Eingriffe ins äußere Erscheinungsbild, welche im Falle der nachgeborenen Piaf sogar ganz direkt an Chanels bahnbrechende Stilmittel erinnern (schwarzes Kleid, helles Make-up, rote Lippen).

Aber wenn auch keineswegs durchgängig überzeugend, so ist La vie en rose in seiner filmischen Umsetzung doch um einiges avancierter, einfallsreicher und gewagter. Und seine Hauptdarstellerin (Marion Cotillard) hat schauspielerisch ein bisschen mehr zu bieten als tiefe Blicke aus großen Augen.

Regisseurin Anne Fontaine hingegen praktiziert mit Coco ein visuell uninspiriertes, chronologisches Aneinanderreihen von Episoden, die entscheidende Momente lieber in handlichen Aussagen vermitteln, als sich auf sichtbare Eindrücke zu verlassen. Wie man es angesichts einer Thematik, die ganz wesentlich von der (Hand-)Arbeit an und mit Materialien und Formen handelt, schaffen kann, einen derart unsinnlichen Film zu machen, das bleibt ein Rätsel. Fünf, sechs Großaufnahmen von Stoffbahnen und Zuschnitt reichen leider nicht. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 11.8.2009)

Info

Ab Freitag

  • Aus dem Hinterzimmer einer Schneiderei zum feudalen Landsitz: Audrey
Tautou als Coco Chanel in Anne Fontaines gleichnamigem Film.
    foto: warner

    Aus dem Hinterzimmer einer Schneiderei zum feudalen Landsitz: Audrey Tautou als Coco Chanel in Anne Fontaines gleichnamigem Film.

Share if you care.