Wegmarken eines Wanderers

10. August 2009, 18:22
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Die Tate Britain widmet dem konsequenten und poetischen Land-Art-Künstler Richard Long eine umfassende Retrospektive - Des Praxis des Briten, sich Skulpturen zu erwandern, ist beispiellos

Stets erfolglos hat sich Richard Long dagegen gewehrt, der US-amerikanischen Land-Art-Schule zugerechnet zu werden. Zum einen - obgleich nur eine formale Spitzfindigkeit - ist der 1945 in Bristol geborene Long Engländer. Zum anderen - und das ist weitaus relevanter - rückt er der Landschaft nicht mit dem Bagger zuleibe, um erloschene Vulkane auszuhöhlen, wie das James Turrell in den 1970er-Jahren in Arizona tat, oder um abertausende Tonnen Material (Steine, Erde, Salz und rote Algen) zu einer rund 500 Meter lange Spirale inmitten eines Salzsees anzuhäufen, wie Robert Smithson 1970.

Nein, im Vergleich zu solchen Kraftakten, die sich selbst auf Satellitenbildern noch abzeichnen, sind Richard Longs Markierungen - in den Schnee getrampelte Spuren, mit dem Absatz in den Kies gezogene Linien oder zu Kreisen aufgelegte Steine - in der Landschaft zart und leise. Weder biegt Long die Landschaft, noch beschädigt er sie. Es sind sachte Spuren, die einmal der Wind verbläst, der nächste Schnee zudeckt oder die vom Unkraut überwuchert werden:Vergängliche Zeugnisse von Longs Anwesenheit.

Auch die vertikal aufragenden Steinzeichen, die Long in der horizontal organisierten Landschaft hinterlässt, sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Sie stürzen um, verschwinden. Ebenso wie kleine Steinmännlein, die Bergwanderer als Wegmarke setzen.

Im Grunde sind Longs Eingriffe aber nicht weniger gigantisch. Denn die Monumentalität wird in seinen Arbeiten, aktuell in der Tate Britain präsentiert, durch die Landschaft selbst hergestellt. Die Natur, so weit man sie von seinen Skulpturen überblicken und fotografisch dokumentieren kann, gehört in Longs Verständnis mit dazu. "Die Skulpturen im Gelände sind Orte. Material und Idee sind Teil dieser Orte. Skulptur und Ort sind also ein und das gleiche. Der Ort für eine Skulptur wird durchs Wandern gefunden."

Schiefer und Basalt

Und so geht Long nun bereits konsequent seit über vierzig Jahren: Karge Steppen, Einöden, Steinwüsten, weite Ebenen und hochalpines Gelände sind die Plätze, das Material, das seine Skulpturen birgt. Skulpturen, die in Form von aufgeschichtetem Schiefer und Basalt auch als minimale Skulptur den Weg ins Museum finden. Seine Wanderungen, seine Routen können aber auch die dokumentierende Gestalt eines Fotos oder einer Landkarte annehmen oder erscheinen in Form eines Textes. Besonders gerne ist Long in Irland, Schottland oder im englischen Dartmoor unterwegs. Oft tagelang. Und vor allem allein.

Nur einmal, 2003, ließ Long eine Ausnahme zu: Schriftsteller Hervé Perdriolle überredete ihn dazu, gemeinsam mit dem Inder Jivya Soma Mashe aus dem Stamm der Mari die Landschaft Indiens zu durchmessen. Eine stumme Reise, denn keiner der Reisegefährten sprach die Sprache des anderen. Long legte getrocknetes Gras zu Sternen aus, pflügte Erde zu Kreisen um: "Ich liebe es, aus nichts Kunst zu machen."

Quasi mit "Nichts" hatte es auch begonnen: Mit der Spur eines Schneeballs, der einen Hügel hinabrollte. Ein spielerischer Beginn seiner Arbeit, aber auch das Ende seines ersten Kunststudiums in Bristol:Der Rektor adelte die Verrücktheit mit Longs Rauswurf.

In der Tate Britain breitet nun die Retrospektive Heaven & Earth Richard Longs Faszination für die Einfachheit des Wanderns und die Einfachheit der am Weg gefundenen Materialien aus. Ein Unterfangen, das kaum misslingen kann, bereitet doch allein der Weg über die prunkvollen Stiegen, durch Säulengänge und saalartige Foyers des neoklassizistischen Museums auf sein Werk vor, das man sich beim Gang durch acht Säle erwandert.

Schlamm und Wasser

Mit dem Verständnis für die titelgebenden und jüngsten Arbeiten Heaven und Earth erschließt sich der Rest:Die zwei wandfüllenden Malereien fertigte er - wie so oft - mit dem Schlamm des Flusses Avon, der sich durch seine Heimatstadt schlängelt. Heaven und Earth, erklärt Long mittels Wandtext, sind mit Schlamm und viel Wasser gemacht. "Flüsse fließen durch meine Arbeiten, und Wasser ist ein wesentliches Element meiner Kunst." Die sechs stabilen und sechs gebrochenen Linien, die er mit dem Schlamm zieht, repräsentieren für ihn Gegensätze und Gleichgewicht in der Natur und in seinem Werk. "Luft und Erde. Die komplementären mentalen und physischen Aspekte in meiner Arbeit." (Anne Katrin Feßler aus London, DER STANDARD/Printausgabe 11.8.2009)

Info

Bis 6. 9.

  • Richard Longs vertikal aufragenden Steine sind vergängliche Zeichen
seiner Anwesenheit in der Natur und gleichzeitig markieren sie seine
Wertschätzung:"A Line in Scotland" (1981).
    foto: richard long / tate britain

    Richard Longs vertikal aufragenden Steine sind vergängliche Zeichen seiner Anwesenheit in der Natur und gleichzeitig markieren sie seine Wertschätzung:"A Line in Scotland" (1981).

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