Operation "Very Big Brother"

10. August 2009, 17:42
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Peking veröffentlicht geheime Überwachungszahlen und will Alarmsystem ausbauen

Die Objektive wachen nicht nur über Ministerien, Flugplätzen oder Bahnhöfen. Sie sind in Banken oder Krankenhäusern installiert, selbst in Fahrstühle eingebaut: In Chinas Städten heißt es immer öfter: „Big brother is watching you". Der große Bruder hat im Reich der Mitte aus dem Albtraum von George Orwell im Roman 1984 Wirklichkeit gemacht. Zwei Monate vor dem 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik veröffentlichte am Montag das Polizeiministerium auf seiner Webseite bisher geheim gehaltene Zahlen als Erfolgnachweis.

Bei der Überwachung seiner Bürger ist das Entwicklungsland längst supermodern. In Chinas Städten hat es 268.000 polizeiliche Überwachungs- und Alarmsysteme mit der zehnfachen Zahl an Kameras installiert. 2,753 Millionen Kameras verschaffen der Polizei freien Blick auf alle potenziellen Bösewichte „in jeder Ecke, räumlich und rund um die Uhr". Mehr als 270.000 Kameras wachen allein über die Hauptstadt Peking. Hinzu kommen Verkehrsleitsysteme und die Kameras privater Wachdienste, die sich Läden, Restaurants oder Bars leisten. Allein die reiche, südchinesische Provinz Guangdong installierte bis 2008 mehr als 700.000 Kameras. 2010 sollen es eine Million sein.

Seit 2003 konnten die Behörden, wie sie nun stolz verkünden, mehr polizeiliche Überwachungssysteme in den Städten aufbauen als in den gesamten 20 Jahren zuvor. Die über Leitzentralen vernetzte Hightech-Kontrolle passt zur mobilen Gesellschaft mit ihren heute hunderten Millionen Pendlern und Wanderarbeitern. China hatte früher für den gleichen Zweck Heere menschlicher Aufpasser mobilisiert, von Blockwarten bis zu den alten Frauen der Nachbarschaftskomitees mit ihren roten Armbändern.

„Big Brother" will nun nach den Städten als Nächstes auf das Bauernland ziehen, wo 700 Millionen Menschen kameramäßig noch unbeobachtet leben. „Um landesweit die öffentliche Sicherheit zu verbessern, will die Polizei die Installation von Überwachungskameras auf dem Land nun Schritt um Schritt ausweiten", beschloss eine Polizeikonferenz am Wochenende.
Die landesweite Vernetzung dürfe nicht über Zwang durchgesetzt werden. Die ländlichen Gemeinden sollten dazu überredet werden, hieß es auf der Webseite. Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete: „Bedenken wegen des Schutzes der Privatsphäre hört man manchmal. Aber bisher haben wir weder ein Gesetz dafür, noch hat der Staat diese Frage geregelt." (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Überwachungskamera vor Mao-Bild auf dem Tiananmen.

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