Wortlose Erzählungen

10. August 2009, 18:15
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Das Zehnder Kraah Trio beim Carinthischen Sommer

Steindorf - Vor der malerischen Kulisse, bestehend aus Ossiachersee und Bergen, gleicht Günther Domenigs Steinhaus selbst einer Landschaft aus Stahl, Beton und Glas. Heuer wird das Architekturkunstwerk im Alternativprogramm des Carinthischen Sommers mit zwei Konzerten bespielt: Am Wochenende trat das Zehnder Kraah Trio, die Formation des Schweizer Stimmartisten Christian Zehnder auf, kommenden Freitag werden Felician Honsig-Erlenburg & Friends ihr Projekt silent flux präsentieren. Es ist, passend zum Ort, dem Element Wasser gewidmet.

"Eine Krähe war mit mir" : Zum Auftakt besang Zehnder das "wundersame Tier" aus Schuberts Winterreise; es blieb an diesem Abend das einzige Lied mit Text. Das Publikum, zunächst sichtlich erstaunt bis verwundert, fand Zugang zum Krähengesang des Schweizers. Der gelernte Baritonsänger Zehnder spielt mit den Facetten der Stimme, erschließt mit seinen Jodel- und Oberton-Gesangstechniken Klangräume, die sonst im wahrsten Sinn des Wortes unerhört bleiben. "Global Jodeling" nennt er seine Musik.

Als ihr Sinnbild hat er den Raben gewählt, der nicht als Singvogel bekannt ist. Doch sein Stimmspektrum ist in Wahrheit einzigartig breit. Die ungenutzten Potenziale der menschlichen Stimme als Analogie zum verkannten Gesang der Raben.

Zehnders Spiel mit der Stimme ist gleichzeitig auch ein Spiel mit der Sprache. Bis auf einzelne Fragmente kommen die Lieder zwar ohne Text aus, sprachlos sind sie dennoch nicht: "Jodeln ist eine Vorstufe zur Sprache. Es bewegt sich zwischen dem Nonverbalen und dem Verbalen. Aber es ist nicht nichtsbedeutend." Es sind Erzählungen ohne Worte.

Zehnder singt: Liebeslieder, vom Daheim in den Alpen und dem Draußen in der Welt, von seinen Kindheitserinnerungen. Und er spielt Akkordeon, Bandoneon und Bandurria. Das Trio - am Kontrabass Michael Pfeuti, Thomas Weiss am Schlagwerk - verknüpft Jazz mit Worldmusic und Schweizer Volkmusik: Jodeln und Bossa nova schließen einander nicht aus.

So wie das Steinhaus mit architektonischen Maßstäben und gängigen Formen räumlicher Erfahrung bricht, so lösen auch Zehnders Gesang und die Musik des Kraah Trios Text- und Harmoniestrukturen auf. (Benjamin Koffu, DER STANDARD/Printausgabe 11.8.2009)

 

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