Auf der Autobahn der Vorurteile

10. August 2009, 17:21
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Seit 1989 ist die Südautobahn im Sommer Mitteleuropas größte Begegnungsstätte

Aber die Flüchtigkeit des Begegnens fördert Vorurteile - und ist eine gute Schule dagegen. Eine nicht ganz ernste Betrachtung.

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Wien - Früher war's eigentlich lustiger auf der A2. Gleich nach der Grenzöffnung 1989. Da war schon auf den ersten Blick alles klar.

Selbstgebastelter Campingbus mit Fahrrädern am Heck und Schlauchboot auf dem Dach - Tscheche. Alter Škoda, aber gut gepflegt - Slowake. Winziger Fiat-Verschnitt, mit vier Personen besetzt und riesigem Dachträger - Pole. Älteres Westauto, dem Vordermann im permanenten Überholversuch knapp an der Stoßstange - Ungar.

Tausendfach erlebt, in wechselnder Kombination. Und, vor allem Samstag- und Sonntagnacht, je nach Richtung, in einer fast ununterbrochenen Kolonne zwischen Wien und Graz. Ein österreichisches Kennzeichen wurde da plötzlich zum Exoten. Und die 190 Kilometer gerieten zum kurzweiligen Kultur- und Gesellschaftstrip durch Mitteleuropa.

Die Adria übte ihre unwiderstehliche Anziehungskraft auf die so lange eingesperrten Nachbarn im Norden und Osten aus. Das tut sie auch 20 Jahre später noch. Nur die Transportmittel haben sich geändert. Von Krise kaum eine Spur.

In Wien auf der Tangente, seit der Eröffnung der Ostspange spätestens bei deren Einmündung in die A2, kommen sie alle zusammen, die Slowaken und Ungarn von nebenan, die Tschechen aus dem Norden, die Polen aus dem Osten. Ukrainer sind neuerdings auch darunter, wenn auch selten. In Graz teilen sie sich wieder auf: Die meisten zieht's an die kroatische, die übrigen an die italienische Adria.

Und die Vehikel? Auf die Klischees ist längst kein Verlass mehr. Außer den Kennzeichen sind nationale Unterschiede rar geworden. Der Automarkenmix entspricht grosso modo dem österreichischen. Bei den Polen ist eine gewisse Vorliebe für französische Produkte zu erkennen. Und die Tschechen fahren weniger Škoda, als man erwarten würde.

Ja, die Tschechen. Reise- und abenteuerlustig waren sie schon immer, wenngleich mit einem gewissen Hang zur Selbstgenügsamkeit. Jetzt fahren sie schöne neue Autos statt der Wohnklos mit Kochnische Marke Eigenbau. Aber von „All-inclusive" haben sie noch immer ihre eigene Vorstellung. Was für die zwei Wochen am Meer benötigt wird, ist mit dabei im vollgepackten Kombi. Inklusive Lebensmitteln. Aus Hotels an der Küste kommt die Kunde, dass Erdäpfel aus Böhmens Flur, mit dem Tauchsieder im Badezimmerwaschbecken gegart, keine Seltenheit sind.
Verweisen wir das ins Reich des Anekdotischen und suchen wir nach anderen Auffälligkeiten im großen mitteleuropäischen Sommer-Treck. Den Ungarn ist die Krise offenbar weniger stark aufs Bremspedal geschlagen, als zu vermuten wäre. Wenn man bei Tachostand 140 überholt wird, ist es meist ein Magyar. Wenn's nicht doch ein Wiener oder Kärntner ist. Aber hier ist ja von den anderen die Rede.

Die anderen, die auch Deutsch sprechen, wenn auch ein anderes, die Deutschen also, sind zwischen Wien und Graz eigentlich kein Thema. Sie haben ja auch nichts zu suchen hier, im Herzen Mitteleuropas. Dort, wo sie was zu suchen zu haben glauben, stoßen sie auch nicht immer auf vorbehaltlose Gastfreundschaft. Im Vorjahr hinterließen Unbekannte an acht Stellen am Rand der A2 und der Bundesstraße entlang des Wörthersees eine unmissverständliche Aufforderung.

Ob das mit dem Fahrverhalten der Gäste zu tun hatte, ist nicht bekannt. Was das betrifft, so gibt man weiter östlich, bei der Autobahnpolizei Hartberg, eine Auskunft, die die Freude am Klischee nicht gerade fördert. Nationale Auffälligkeiten? Wenn, dann im Konnex mit der Höhe der Verkehrsstrafen zu Hause, meint Revierinspektor Hubert Petz. Die (wenigen) Schweizer seien da vorbildlich. Aber auch bei Polen und Italienern sei in jüngster Zeit deutlich stärkere Tempodisziplin zu beobachten - „da muss bei den Strafen was passiert sein".

Und beim Zustand der Fahrzeuge scheint sich das Bild inzwischen überhaupt umgekehrt zu haben. „Rostgurken findet man heute am ehesten bei Österreichern", berichtet der Polizist. Auch nicht gerade vorurteilsstärkend. Und wie war das noch gleich mit der Verschrottungsprämie? (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2009)

BUCHTIPP

Die Grenze ist die Wahrheit des Zentrums

So lautet der Titel des Essays von Karl-Markus Gauß, der den Fotoband Reisen ins Niemandsland einbegleitet. Kurt Kaindl dokumentiert in Schwarz-Weiß-Bildern, die gerade nicht schwarz-weiß malen, die ehemalige innereuropäische Grenzlinie von Lübeck bis Triest. Den Eisernen Vorhang also, der seit 1989 nicht mehr existiert. Formal. Denn dass er irgendwie noch immer herumgeistert in den Köpfen und Herzen, ist ja bekannt.

Den besonderen Reiz des Bandes macht die Verbindung aus: Bilder vom einstigen innerdeutschen Todesstreifen, von ehemaligen Grenzstationen, von Orten und Plätzen am Rand des Niemandslandes wechseln mit Porträts von Menschen, die entlang dieses Denkmals europäischer Schande leben und arbeiten. Wie sich die Menschen dem Fotografen präsentieren, wie sie posieren oder nicht posieren, das berührt und verdeutlicht das Widersprüchliche und Absurde von Grenzen auf unprätentiöse Art.

Dazu passt auch der abschließende Text des burgenländischen Schriftstellers Clemens Berger, der seine Kindheit am relativ durchlässigen Eisernen Vorhang mit den ziemlich dichten Grenzen der heutigen EU vergleicht.

Grenzen, schreibt Gauß, „sind keine Erfindungen der Peripherie, sondern der Machtzentralen, die ihren Zuständigkeitsbereich gerade hier, am äußersten Rand, erweisen möchten". (jk, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2009)

Kurt Kaindl, „Reisen im Niemandsland. Von Lübeck bis Triest. Fotografien entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs." Mit Texten von Karl-Markus Gauß und Clemens Berger. Edition Fotohof im Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2009, € 34,-

 

  • Funktionsbedingter Kurzbesuch aus einem Nachbarland: Gegen eine so gesittete Familie kann man eigentlich nichts haben ...
    foto: standard/kirchengast

    Funktionsbedingter Kurzbesuch aus einem Nachbarland: Gegen eine so gesittete Familie kann man eigentlich nichts haben ...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ... aber irgendwo hat auch die Toleranz ihre Grenzen: eindeutige Aufforderung an einer Südautobahn-zufahrt am Wörthersee.

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