Die rauhe Reise

19. August 2009, 17:00
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Ein Segeltörn mit Whiskyverkostung ist Männersache! Weit gefehlt. Frauen haben die feineren Nasen. Mit Ansichtssache

Segeln? Noch dazu in Schottland? Jetzt, da gerade eine Hitzewelle über Österreich hinweg fegt, nach zwei Wochen Dauerregen? Das hieße Kälte, Regen und Nebel statt Sonnenbrand und Heuriger. Und Whisky statt G'spritzter! Dazu kämen dann noch sechs unbekannte Personen, mit denen man sich für eine Woche ein Boot teilen müsste, das nicht einmal so groß ist wie die eigene, kleine Stadtwohnung. Vermutlich handelt es sich dabei zu allem Überfluss auch noch um eine reine Männerrunde. Schließlich erschließt sich der Reiz, nass und frierend auf dem Atlantik zu treiben und auf Wind zu warten, nur etwa der Hälfte der Menschheit.

Klischees und Vorurteile erfüllen sich gewöhnlich meist dann, wenn man eine Begegnung mit der Realität vermeidet. Dass die Classic Malts Cruise entlang der schottischen Inselwelt eine regennasse, kalte Männersache ist, ist eines dieser Vorurteile, dessen Realitätsgehalt nur in einem Selbstversuch überprüft werden kann.

Tropengrüne Inseln

Da ist es ein guter Einstieg, dass Schottland die Mannschaft der "Chantilly", die zu fünfzig Prozent aus Frauen besteht und die für eine Woche entlang der schottischen Küste Scotch Whisky der Spitzenklasse verkosten wird, mit Sonnenschein und geradezu tropischen Temperaturen begrüßt. Bei strahlendem Sonnenschein erstrahlen auch die anderen Crew-Mitglieder in einem freundlichen Licht und die schottische Landschaft leuchtet in fluoreszierendem Neongrün. Die Classic Malts Cruise wurde 1994 ins Leben gerufen und startet seither alljährlich in Oban, einem kleinen Städtchen an der Westküste.

Hier treffen sich die Segler und Seglerinnen am Abend vor dem Start, um sich bei Scotch und Buffet in Erinnerungen aus dem Vorjahr zu schwelgen oder die Freude über das erste Mal mit anderen zu diskutieren. Oban ist Heimat der gleichnamigen Destillerie, in der noch vor Beginn der Seglerei bei einer Führung eine gute Nase voll Whiskyduft genommen werden kann - und ein paar Kostproben der besten Destillate.

Whiskey wird zur Frauensache

Und spätestens hier stellt frau fest, dass Whisky nicht nur John Lee Hookers "Whiskey and Women"-Blues in verrauchten Bars ist, sondern im Gegenteil nach einer feinen Nase und einem empfindlichen Gaumen verlangt, wenn Honig-, Orangen-, Salz- und Rauchnuancen erkannt werden wollen. Nicht umsonst ist die Master Blenderin von Diageo, die für den Geschmack der Classic Malts-Produktion von Destillerien wie Caol Ila, Lagavulin, Oban oder Talisker verantwortlich ist, eine Frau. Die Männerdomäne Whisky entwickelt langsam aber sicher auch ihre weibliche Seite. Maureen Robinson, die seit zwanzig Jahren die Geschmäcker für Diageo abstimmt oder Helen Mulholland, die für den irischen Bushmills Whiskey verantwortlich ist, bringen frische Ideen in das traditionelle Männerbusiness. Und die Männer lassen sich gerne an den Frauennasen herumführen.

Funktionelle Vollausstattung

Nase und Gaumen sind mit 14-jährigem Oban auf die würzige Seeluft eingestimmt, die "Chantilly" wartet im Hafen. Die kleine Motorsegelyacht schimmert im roten Sonnenuntergang, der zwischen zehn und halb zwölf Uhr nachts über die schottische Bühne geht. Auch die inneren Werte der hübschen Yacht lassen auf eine angenehme Zeit hoffen. Anstatt der befürchteten, engen Kojen gibt es Doppelbetten, zwei Badezimmer, eine Küche mit Eckbank und jede Menge gefinkelter Überraschungen, die die Crew in den ersten Momenten an Bord in faszinierte Beschäftigung versetzen: hinter jeder Tür, in jeder Lade, unter jeder Klappe findet sich Stauraum, der intelligent und funktionell genutzt wird.

Es ist alles vorhanden, was der Stadtmensch braucht, inklusive eines frei schwingenden Gasherdes, der auch bei schwerstem Seegang keinen Tropfen der Bordsuppe aus dem Topf schwappen lässt. Interessant auch die Toiletten, die mit Hilfe einer Handpumpe geleert werden und dabei eine Abfolge von "Flurp-" und "Pflopp"-Geräuschen von sich geben. Die anfängliche Scheu angesichts der räumlichen Enge legt sich relativ rasch und jeder pumpt nach einem Tag voll Inbrunst seine Machenschaften in die Abwasserkammer.

Invasion der Zeckeninsel

Tagsüber wird gesegelt - sofern es der Wind zulässt. Da Schottland sich vorgenommen hat, mit seinen Schönwettertalenten zu prahlen, tuckert die "Chantilly" die meiste Zeit mit dem Motor von Bucht zu Bucht. Das tut aber der Faszination der Inselwelt keinen Abbruch. In einem etwas aufdringlichen Kreischgrün leuchten die Hügel oberhalb der felsigen Küsten und locken mit Saft und Kraft. Ein Ausflug an Land hat zumeist einen massiven Befall mit Zecken und Gelsen zur Folge, die undurchdringlichen Farnwälder, kirschgroße Heidelbeeren, Kieselstrände, die sowohl optisch als auch akustisch einmalig sind sowie der Blick über im Sonnenlicht glänzende Buchten entschädigen aber für den Ärger mit den kleinen Viechern.

Die Insel "Lunga" wartet noch mit einer zusätzlichen Attraktion auf: tausende "Puffins" - Papageientaucher - brüten hier in Erdlöchern. Bis auf 50 Zentimeter kann man sich den seltsamen Vögeln nähern, die wie eine Mischung aus Pinguin, Papagei und Ente erscheinen und auf denkbar unelegante Art ihr Start- und Landemanöver absolvieren.

Zwischen Schwimmen und Fliegen

Wenn dann doch einmal Wind einsetzt, lässt Skipper Graham die Segel hissen und legt sich mit seinem Steuerrad in die Kurven. Im Bauch der Yacht beginnt es zu grummeln, als schlecht verstaute Gegenstände durch die Kajüte sausen. Manchmal sausen auch Passagiere von ihren Schlafplätzen und erleben ein jähes Erwachen, wenn eine Windböe die "Chantilly" seitlich in den Atlantik drückt.

Dann fliegt das Boot über den blitzblauen Atlantik und schneidet das Wasser am Bug in zwei weiß schäumende Mauern. Kein Ton stört dann den Ritt über das Meer, nur das Flattern der Segel ist zu hören und die Gischt des Wassers, das zu beiden Seiten des Buges in weißen Flocken vorbeirast. Der Wind zerrt am Segel und Graham erteilt Anweisung zum "tacking" - also zum Wenden. Nach Kräfte raubendem Ziehen und Zerren an den bunten Leinen und heftigster Kurbelei wirft sich die "Chantilly" wieder in den Wind und nimmt ihre Fahrt wieder auf, in Richtung Talisker, der letzten Destillerie auf der Fahrt entlang der Schottischen Inselwelt, in Loch Harpot auf der Insel Skye.

Auf der Suchen nach den Aromen

Auch Talisker ist, wie Oban, Caol Ila und Lagavulin, Mitglied von Diageo, dem weltgrößten Spirituosen-Hersteller, der sich in Bezug auf Whisky unter anderem der Reihe Classic Malts angenommen hat, zu der die oben genannten Destillerien gehören. Hier endet der Segelturn, so wie er begonnen hat. Mit einem Blick in den blubbernden Bauch der Gärbottiche und einer Verkostung der bernsteinfarbenen Schätze, die in den Fässern ihrem perfekten Reifegrad von zehn, zwölf oder sechzehn Jahren entgegenreifen. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Alterstufen zu erschnüffeln und zu erschmecken ist die große Kunst der Scotch-Verkostung. Mit jeder Probe werden die Papillen empfänglicher für die Komponenten, die es zu entdecken gibt: salzig, rauchig, fruchtig oder holzig. Ein Schuss Wasser verstärkt die Aromen, setzt versteckte Gerüche und Geschmacksnuancen frei und verdünnt gleichzeitig den Alkoholgehalt.

Professionelle Scotch-Trinker wie Maureen Robinson erzählen in den schillerndsten Farben von der Vielfalt der Aromen, die in der goldgelben Flüssigkeit verborgen sind. Die eigene Durchschnittsnase kann nur erahnen, was sich alles in dem bauchigen Glas abspielt. Aber ein wenig bekommt auch der Laie von den Geschmackswelten der Singe Malt Whiskys zu spüren und gelegentlich schafft man es sogar, einigermaßen auf das gleiche Ergebnis zu kommen, wie die jahrelang trainierten Zungen. Allerdings wird ein Nichtschotte wohl nie an das Niveau der Einheimischen heran reichen, für die der Scotch nicht nur Genussmittel sondern Lebensphilosophie ist. (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/19.8.2009)

Die Classic Malts Cruise findet jedes Jahr statt und führt entlang der Strecke zu den Destillerien des Diaego-Getränkekonzerns, der auch die Classic Malts vermarktet. Dazu gehören die Destillerien Oban, Caol Ila, Lagavulin und Talisker. Teilnehmer können entweder ein Boot mit Skipper chartern (zum Beispiel jenes von Graham: sail-mascotte.co.uk), oder mit dem eigenen Segelboot an der Reise teilnehmen.

Informationen zu den Destillerien entlang der Classic Malts Cruise (Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Besichtigungen etc.) unter www.malts.com

Bilder vom Segeltörn gibt es in einer Ansichtssache.

  • Das Ende der Reise: die Insel Skye.
Bilder vom Segeltörn gibt es in einer Ansichtssache.
    foto: ham/derstandard.at

    Das Ende der Reise: die Insel Skye.

    Bilder vom Segeltörn gibt es in einer Ansichtssache.

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