Der Schatz vom Silbertal

    11. August 2009, 16:30
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    Der Hirsch vom anderen Ende der Welt, ein Iron Man, und was die Elfi damit zu tun hat: Harald Fidler fühlte sich beim Adler in Hohenems pudelwohl

    Die Enttäuschung war programmiert. Eineinhalb Jahre hatte ich mich auf das Lokal gefreut, das Kollege Corti im Februar 2008 so obersupernett beschrieben hatte. Eineinhalb Jahre Vorfreude legen die Latte hoch. Und 666 Kilometer (Deibel!) liegen zwischen mir und dem Wirten, jedenfalls nach dem Routenplaner, und weniger waren's real definitiv auch nicht. Sehr schade, das.

    Route 666

    666 lange Kilometer durch kilometerlange Baustellenschleichphasen, viel zu spät weggefahren, zu viel unterwegs vertrödelt, viel zu heiß war's auch, viel zu spät eingetrudelt zudem in Hohenems, und der Anmarsch von der Pension war auch länger als erwartet (eigene Gästezimmer sind in Arbeit, gegenüber kommt ein Hotel, hört man). Alles viel zu lang, vor allem, wenn man als Ostösterreicher glaubt, am Montagabend vor dem Ruhetag warten die armen Menschen im Westen praktisch eh nur noch auf mich, und dann komm ich noch zu spät. Denkste.

    Hinter dem echt etwas trüb aussehenden alten Teil des Gasthauses, vorbei am neuen Betonwürfeltrakt (wir umrunden das Gebäude von der falschen Seite) ist der unprätenziöse Prachtgastgarten ziemlich rappelvoll an diesem Montagabend gegen 21 Uhr. Der Laden brummt zurecht.

    Rehleber - aber nur fast

    Blattsalate oder Spinat vorweg, darauf zum Aussuchen vom frischen Ziegenkäse bis zur Kalbsniere oder -leber so manche Freude. Die Seniorchefin ("d'Elfi" sagt der Wirt und Koch Martin Griesser) weiß da noch etwas von einer letzten Portion Rehleber zu berichten, aber für die war ich offenbar doch ein Alzerl zu langsam. Macht gar nichts, die geröstete Kalbsniere mit kräftigem Saft liefert mehr als ein Quantum Trost für den wilden Leberentgang.

    Wild wird's gleich danach: Hirschfilet von eindrucksvollen Dimensionen, auf den prächtigsten Steinpilzen unserer kleinen Fresstour, dem Giro Porcino 2009, Sie erinnern sich vielleicht. Giro passt auch hier in Hohenems, beim Adler: Die Steinpilze kommen aus dem Silbertal in Südtirol, erklärt uns Frau Elfi nach Rückfrage in der Küche. Toursieg, keine Frage, wir bestellen zum Dessert gleich noch eine Portion, schlicht sautiert, schlicht saugut.

    Hirsch aus Übersee

    Der herausragende Hirsch kam mit anständigen Schupfnudeln (so anständig, dass die Hälfte in Richtung meiner Freundin verschwand, die ihr Gemüse sehr lobte). Das Tier kam leider von viel, viel weiter nach Hohenems als wir: Der Hirsch, jedenfalls sein Filet, reiste aus Neuseeland an, erklärt uns der Herr Griesser.

    Aber der Griesser hat's ohnehin mit den Langstrecken, wie wir als (nun doch) letzte Gäste erfahren: Vier Triathlons (oder gar Triatlöner?) hat der gute Mann vor ein paar Jahren hinter sich gebracht, Iron Man und so. Spitzname: "der Wahnsinnige", weil praktisch unvorbereitet am Start, aber nicht allzu viele Stunden nach ausgiebiger Zufuhr flüssiger Kohlehydrate.

    Der Iron Man und die Elfi

    Diese Strategie - Kohlehydrate ebenso flüssig wie zügig zuführen - hilft übrigens auch gegen die Mär, dass man nach Pilzen schlecht schläft. Griessers ausgesprochen faire Kalkulation der (gerade wieder im Ausbau befindlichen) Weinkarte (er selbst hat Stöcke auf der Wachauer Achleiten, sagt er) erleichtert die konsequente Umsetzung dieser Strategie. Triathlon war freilich nicht unsere erste Idee bei der Morgenandacht danach. Die von Herrn Griesser aber mutmaßlich auch nicht.

    PS: Gibt's Langstreckenbewerbe über 666 Kilometer? Könnte mich glatt zu Ausdauertraining hinreißen lassen.

    PPS: Eine Haube hat der Adler auch, aber alle betonen ständig, wie unwichtig ihnen die ist. Und dass für mehr Hauben vielleicht ein bisschen mehr Gigi ins Service müsste (Gault Millau fand ihn "sehr locker", pah!). Bin dagegen. Bestehe darauf, dass Frau Elfi weiterhin so charmant Briefkuverts recycelt, um die Bestellung zu notieren.

    Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Mir dämmert im Gastgarten: Der Weg hat sich gelohnt.
      foto: fidler

      Mir dämmert im Gastgarten: Der Weg hat sich gelohnt.

    • Frischer Ziegenkäse auf Spinat.
      foto: fidler

      Frischer Ziegenkäse auf Spinat.

    • Gleiche Unterlage, ordentlichere Auflage: Kalbsniere geröstet. Die Rehleber war leider schon wieder aus. Nächstes Mal früher wegfahren. Oder weglegen lassen.
      foto: fidler

      Gleiche Unterlage, ordentlichere Auflage: Kalbsniere geröstet. Die Rehleber war leider schon wieder aus. Nächstes Mal früher wegfahren. Oder weglegen lassen.

    • Wer meckert hier über die Anreise? Der Hirsch hatte es vielfach weiter bis nach Hohenems. Dafür kommen die Steinpilze von nebenan, sagt der Wirt, aus dem Südtiroler Silbertal. Klar, das Gute kann auch nahe liegen.
      foto: fidler

      Wer meckert hier über die Anreise? Der Hirsch hatte es vielfach weiter bis nach Hohenems. Dafür kommen die Steinpilze von nebenan, sagt der Wirt, aus dem Südtiroler Silbertal. Klar, das Gute kann auch nahe liegen.

    • Service, sehr sympathisch: Frau Elfi, die Seniorchefin.
      foto: fidler

      Service, sehr sympathisch: Frau Elfi, die Seniorchefin.

    • Mir als Koch sympathischer denn als Triathlet, ihm inzwischen offenbar auch: Martin Griesser, etwas unscharf.
      foto: fidler

      Mir als Koch sympathischer denn als Triathlet, ihm inzwischen offenbar auch: Martin Griesser, etwas unscharf.

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