Zigarrenfrühstück

9. August 2009, 19:45
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Die beiden Herren hatten ihr Geschäftsfrühstück beendet - Und zogen nun Zigarren aus der Tasche

Es war vor ein paar Wochen. An einem Samstag. Und obwohl A. zunächst gemeint hatte, es stehe nicht dafür, in einem ohnehin mühsamen Dauerstreit eine Nebenfront zu eröffnen, war sie dann - als sich auch der letzte Tisch im Windschatten der beiden wichtigen Männer geleert hatte - doch nicht mehr so sicher. Schließlich, meinte sie, gäbe es wenige Gründe, schlechtes Benehmen nicht auch schlechtes Benehmen zu nennen. Schon gar nicht, wenn die, die sich schlechte benähmen, nicht einmal bereit wären, auch nur eine Sekunde an andere zu denken.

Im Gastgarten des Eissalons hatte bereits reger Frühstücksbetrieb geherrscht als wir gekommen waren. Kleinfamilien, verliebte und routinierte Pärchen, ein paar Pensionisten, einige aus irgendeiner Afterhour ans Tageslicht zurückgespülte Berufsyoungster - der ganz normale Samstagmorgenmix eben. Auf den ersten Blick fielen die beiden Männer, die da einen ziemlich genau in der Mitte des etwa sechs Mal sechs Tischchen großen, eng gestellten Schanigartenquadrates saßen, gar nicht auf.

Leitende Kräfte

Die beiden Männer dürften Ende Fünfzig gewesen sein. Beide hatten die klassische Physiognomie und das Auftreten leitender mittlerer bis höherer Kräfte der Abfertigungsdinosaurier-Generation: Selbstbewusste Körperhaltung, leicht übergewichtige Staturen, dicke Uhren, Maßhemden, autoritäre, laute Sprache, schütter werdendes Haar - und immer einen genau einen Tick zu offensiven Blick für die vorbeilaufenden Mädchen. Beide tranken Kaffee. Beide hatten Aktenkoffer bei sich - und beide hatten je einen Laptop auf den Tisch gestellt: Business am Samstag kann man ja auch kommod angehen. Nichts Ungewöhnliches.

Doch das änderte sich. Denn als sie mit der Arbeit fertig waren, packte der eine Wichtige ein Zigarrenetui aus. Auch der andere Mann griff in seinen Koffer und fischte ein Lederfutteral heraus. Aus dem holte er einen Zigarrenschneider. Am Tisch neben uns stöhnte eine junge Mutter auf: "Bitte nicht!" Dann winkte sie die Kellnerin heran, zahlte - und ging. Dem halbvollen Kaffeeglas schenkte sie im Abgang einen traurigen, den beiden wichtigen Herren einen grantigen Blick.

Fluchtbewegungen

Wir zuckten mit den Schultern: Manche Leute, meinte A., seien eben ein bisserl überempfindlich was die Angst, ihre Babys könnten mit Passivrauch behelligt werden, angehe. Noch während sie das sagte wechselte ein Pensionistenpaar den Tisch: Von zwischen uns und den beiden Zigarrenauspackern setzten sie sich an einen freien Tisch in der äußersten Reihe.

Dann zündeten die beiden Männer ihre Zigarren an und pafften los. Der Gestank legte sich wie ein Teppich über den fast windstillen Gastgarten des Eissalons. Die Tische im unmittelbaren Nahbereich und im Lee der beiden Männer waren binnen weniger Minuten geräumt: Manche Gäste wechselten an die dem Duft weniger ausgesetzte Windseite der Frühstückszigarrenraucher. Andere ließen ihr Frühstück stehen, zahlten und suchten das Weite.

Intervention

Eines der Clubmädchen ging zu den Zigarrenrauchern. Sie war ausgesprochen höflich: Ob den beiden Herren aufgefallen sei, dass rund um sie der halbe Gastgarten plötzlich leer sei, fragte sie. Und ob es den beiden vielleicht in den Sinn kommen könnte, dass das mit den Zigarren zu tun haben könnte. Und ob sie vielleicht später und anderswo ... Denn der Dampf sei nämlich wirklich nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht in der Früh - und das habe mit empfindlichen Durchmach-Magenzuständen nichts zu tun. Denn so wie Dr. Freud einmal angemerkt habe, dass eine Zigarre manchmal einfach wirklich nur eine Zigarre sei, wolle sie jetzt festhalten, dass Gestank meist einfach nur Gestank sei. Auch im Schanigarten.

Die Männer waren empört. Und wurden laut: Sie dächten nicht im Traum daran, ihre Zigarren wegzupacken. Schließlich stünden hier Aschenbecher auf den Tischen "und damit ist das hier als Raucherzone ausgewiesen", schnaufte einer. Sein Kumpel echauffierte sich, dass die Raucherhatz ja mittlerweile schon "Züge eines Vernichtungsfeldzuges gegen Genuss und Kultur" annähme, "wenn man sich als hart arbeitender Mann von jungen Dingern die Freude an einer gepflegten Zigarre auch im Garten" verderben lassen müsse. Und wenn die anderen Gäste gingen, dann sei das deren Sache: "Wir rauchen unsere Zigarren in diesem Gastgarten. Darüber brauchen wir keine Sekunde zu diskutieren - denn wir sind im Recht."

Die junge Frau drehte sich um, winkte nach der Kellnerin und zahlte. Mittlerweile waren im Gastgarten nur noch vier Tische besetzt. Und als die Gruppe der jungen Frau die Kellnerin fragte, ob es ihr denn wirklich lieber sei, etliche Tische sofort zu "verlieren" und die im Stink-Schatten der Zigarren sicher nicht so rasch wieder besetzt zu bekommen, als zwei wichtige Männer zu vergraulen, zuckte die nur traurig mit den Schultern: "Ich weiß eh. Das ist jedes Mal so, wenn die da sind. Und ich ertrage den Geruch ja auch kaum. Aber was glauben sie passiert, wenn wir sagen, der Garten sei Nichtraucherzone?" (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 10. August 2009)

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