Gestern, "Heute", Morgen

9. August 2009, 19:38
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Nervöse Konsumjunkies halten sie für langweilig: In den "Heute"-Nachrichten auf ZDF herrscht Zeitlosigkeit

Hier ist die Hysterie der Privatsender (oder solcher, die es sein wollen) noch nicht eingekehrt. Hier herrscht ruhige Informationsweitergabe im alten öffentlich-rechtlichen Stil. Hier werden Schwächen in der Berichterstattung noch mit Nüchternheit und seriösem Anschein kaschiert, nicht mit marktschreierischen Zuspitzungen. Nervöse Konsumjunkies halten sie für langweilig: In den "Heute"-Nachrichten auf ZDF stemmt sich der Nachrichtendruck vergeblich gegen die Zeitlosigkeit des seit 1963 bestehenden Formats, das in dieser Hinsicht nur von der ARD-Tagesschau (seit 1952) übertroffen wird.

Eruptionen, die ein neues Studio mit technischem Schnickschnack um 30 Millionen Euro und ein neues optisches Erscheinungsbild auslösen, bleiben in der epochenübergreifenden Perspektive von "Heute" nur leichte Wellen im Meer trockener ZDF-Information. Jene Kleingeister, die angesichts des neuen Studios, das seit Juli on air ist, maulen, dass das moderne Ambiente mit geschwungenem Nussholztisch und "Erklärraum" zum Ausdeuten von Grafiken mehr zerstören als erschaffen würde, bekamen vergangenen Freitag noch leichten Wind in die Segel: In der 16-Uhr-Sendung "Heute - in Europa" fiel alles aus. Hülya Özkan moderierte drei Beiträge an, keiner kam. Ein Mitarbeiter, der so viel Veränderung vielleicht nicht erträgt, startete während der Sendung versehentlich den Sendeserver neu. Die nachfolgende Telenovela "Alisa - Folge Deinem Herzen" musste fünf Minuten früher gestartet werden.

Aber was macht schon eine misslungene Sendung oder eine neue Optik aus, bei einem Sendekonzept, das von den Forderungen des Boulevards oder auch nur von zeitgemäßer Hektik derart unberührt bleibt? (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 10.8.2009)

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    foto: zdf
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