Mit dem Turbo durch das Wunderland

9. August 2009, 18:34
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Viktor Bodós "Alice" begeistert in Salzburg

Salzburg - Die zum Publikum hin abgeschrägte Bühne ist unlackiert. Links und rechts davon, kaum verborgen, das Personal der Bühnen- und Lichttechnik sowie jener Teil des Ensembles, der gerade auf seinen Auftritt wartet. Viktor Bodó, der zugleich für Regie und Bühne verantwortlich zeichnet, enthüllt in seiner Alice die Konstruktion allen Theaters und begibt sich mit offen gespielten Karten ins Wunderland.

Mit dieser technischen Transparenz fokussiert Bodó geschickt auf das Bühnengeschehen selbst, das mit einer Vielzahl an kleinen Effekten aufwartet. In der ausgezeichneten Lichtführung von Christoph Steffen wird der Fokus auf wohl dosierten Zauber gelegt: Silberkugeln rollen als Tränen über die Rampe, die Teegesellschaft nimmt an einem perspektivisch verzerrtem Tisch Platz, und durch die Luken im Bühnenboden findet insgesamt reichlich Bewegung statt.

Die Illusionsmaschine Theater bedient das äußerst agile Ensemble mit ebenso viel Lust wie Präzision. Allen voran vermag Andrea Wenzl als Alice zu begeistern. Angesiedelt zwischen rotziger Göre und verstörtem Wesen tanzt, singt und schwebt sie durch das Wunderland, das, ganz dem Original verpflichtet, wenig heimelig anmutet: Das gleich doppelt und dreifach in Erscheinung tretende weiße Kaninchen hat nie Zeit, und die Königin (Steffi Krautz) gibt eine herrlich düstere "Queen of Pain" ab.

Zum Gelingen tragen jedoch alle Akteure bei, die mit Leichtfüßigkeit bezaubern: Dazu gehört auch die musikalische Begleitung, für die Klaus von Heydenaber mit seinen Kollegen bestens sorgt.

Den roten Faden, den schon Lewis Carroll in seinen Alice-Romanen nicht spinnt, braucht man auch in dieser Bühnenfassung nicht zu suchen. Die Szenenabfolge verschreibt sich ganz dem Charme des Nonsens und bezieht ihre einzige Segmentierung aus Brüchen des Theaterrahmens, mit denen die Handlung vergnüglich angehalten und wieder neu angeworfen wird. Die dabei platzierten, kleinen Spitzen gegen die Festspiele funktionieren zwar nur halbwegs, stören das bunte Treiben aber nicht weiter.

Viktor Bodó zündet den Theaterturbo mit intelligenten Effekten und eignet sich die Thematik der literarischen Vorlage auch geschickt für kleine Ausflüge an. Dass ihm dabei im Salzburger Republic bedauerlicherweise nicht die volle Breite an technischen Möglichkeiten zur Verfügung steht und nur ein Teil des Nestroy-gekrönten Bühnenbilds zur Geltung kommt, mag das Ergebnis trüben. (Wolfgang Schmutz/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 8. 2009)

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