Die Energie der Poesie

9. August 2009, 18:29
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Das Solistenkonzert im Großen Festspielhaus

Salzburg - Es scheint gar keine Klaviermechanik zu geben zwischen den spielenden Händen und den Klängen, die Grigory Sokolov aus purer Energie zu schöpfen und zu gestalten scheint: So unendlich fein modelliert der Russe die zartesten, dabei niemals körperlos wirkenden Piano-Stellen, so entschieden schlägt er die machtvollsten, aber niemals leer donnernden Forte-Ausbrüche aus dem "Fels" . Sein Repertoire: Ludwig van Beethovens Klaviersonaten A-Dur op. 2 Nr. 2 und Es-Dur op. 27 Nr. 1 - "Quasi una fantasia" und Franz Schuberts Klaviersonate D-Dur D 850 standen auf dem Programm des Solistenkonzerts im Großen Festspielhaus in Salzburg.

Allein das Rondo der frühen A-Dur Sonate! Neugier und ohnehin auf das Äußerste gespannte Aufmerksamkeit steigerten sich quasi zum Hören mit angehaltenem Atem: Man wollte nicht die kleinste Nuance versäumen - bei diesen Metamorphosen des sich ebenso bunt-verspielt wie elementar-katastrophisch gebärdenden Themas.

Ebenso organisch entwickelt, jenseits aller Beschränkungen durch technische oder mechanische Grenzen (vielleicht sogar noch tiefer und anrührender in der noch stärkeren Zerrissenheit der Komposition) - war Sokolovs Wiedergabe der in Oberösterreich und in Salzburg/Gastein entstandenen Sonate D-Dur D 850 von Franz Schubert. Wie selbstverständlich auch kühnes Abschweifen in ferne Tonarten von Sokolov immer wieder einfangen und "gefasst" wird in kostbares, zusammenhaltendes Rankenwerk aus purem Klang-Gold. Wie selbstverständlich er etwa das Achtel-Motiv aus dem ersten Satz im Scherzo wieder aufblitzen lässt und sinnfällige Einheit stiftet zwischen Ländler, Lied und Seelenpein.

Schließlich: Wie Sokolov etwa die permanenten Übergänge zwischen dem scheinbar rein rhythmischen und dem scheinbar rein melodischen Themenmaterial (vor allem, aber nicht nur, im ersten Satz) gestaltet - es war einfach atemberaubend und also nicht anders als im vergangenen Salzburger Sommer, als Sokolov noch im kleineren Haus für Mozart brillierte. (Heidemarie Klabacher/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 8. 2009)

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