"Wenn das alle tun, führt das zur Katastrophe"

9. August 2009, 18:31
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Das Finanzsystem rund um die Notenbanken hat die Krise verursacht, erläutert Ökonom Guido Hülsmann

Die Zentralbanken waren in den letzten Jahren eine wichtige Krisenfeuerwehr. Doch das Finanzsystem rund um die Notenbanken hat die Krise verursacht, erläutert Ökonom Guido Hülsmann im Gespräch mit Lukas Sustala.

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STANDARD: Die ersten Kapitel in der Geschichte der jüngsten Finanzkrise sind bereits geschrieben: Der unregulierte Markt hat versagt, so der Konsens. Was gibt es da hinzuzu- fügen?

Hülsmann: Das ist die falsche Einschätzung. Die Krise war eine Folge von staatlichen Eingriffen, besonders monetärer Art wie Finanzinterventionen. Man kann nicht einfach an der Tatsache vorbeigehen, dass die Finanzmärkte keineswegs die Spielwiese des freien Unternehmertums sind. Sie zählen zu den am strengsten regulierten Märkten überhaupt. Der einzige Markt, der vielleicht noch stärker geregelt ist, ist der Gesundheitsmarkt. Am Finanzmarkt tritt der Staat als Kunde, aber auch als Produzent auf.

STANDARD: Damit sprechen Sie die Rolle der Zentralbanken an.

Hülsmann: Genau. Zentralbanken haben einige Funktionen. Sie versorgen den Markt mit Liquidität. Sie stabilisieren auch Preise auf den Finanzmärkten, ein Ziel, das nicht Teil der offiziellen Agenda ist. Drittens treten sie am Finanzmarkt auch als Finanzaufsicht auf, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten.

STANDARD: Aber die zentrale Aufgabe der Europäischen Zentralbank etwa ist doch eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent.

Hülsmann: Diese Aufgabe haben sie auch einigermaßen erfüllt. Doch das Ziel der Preisniveaustabilisierung ist völlig zweitrangig. Eine Volkswirtschaft kann ganz gut funktionieren, wenn die Inflationsrate über zwei Prozent oder unter zwei Prozent liegt. Auch wenn sie niedriger ist als null. Problematisch ist die Art, wie Notenbanken Geld zur Verfügung stellen.

STANDARD: Wo liegt das Problem?

Hülsmann: Eine Zentralbank produziert Papiergeld oder elektronisches Geld. Diese Produktion ist weder technisch noch betriebswirtschaftlich begrenzt. Daraus entspringt ein perverser Anreiz für die Marktteilnehmer, sich auf die Zentralbank zu verlassen und weniger eigene Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Im Falle des Falles würden sie gerettet. Das ist wie eine Vollkaskoversicherung. Die Marktteilnehmer werden ihrer Verantwortlichkeit entledigt. Und genau so haben sie sich verhalten. Die Banken haben also drei Dinge getan: ihre Kassenhaltung verringert, ihr Eigenkapital reduziert und in risikoreiche Wertpapiere investiert. Das ist aus individueller Sicht vollkommen rational, wenn es eine monetäre Vollkaskoversicherung gibt. Aber wenn das alle tun, führt das zu einer Katastrophe.

STANDARD: Was wäre die Alternative? Eine Bank wie Lehman Brothers Pleite gehen lassen und die Folgen riskieren?

Hülsmann: Ich stand dieser Entscheidung mit großer Sympathie gegenüber.

STANDARD: Doch ist es sinnvoll, marode Institute fallen zu lassen? Das verschärft doch die Rezession.

Hülsmann: In der Krise des letzten Jahres wurde hart vorgegangen bei Lehman Brothers, aber dann schreckte die Notenbank davor zurück weiterreichende Konsequenzen zuzulassen. Das ist eine Lehre, die die Finanzmarktteilnehmer im Kopf behalten werden. Die Zentralbanken haben ihre Linie nicht durchgehalten und sind unglaubwürdig geworden.

STANDARD: Wie könnte eine strukturelle Reform des Geldwesens aussehen?

Hülsmann: Die ideale Lösung wäre, das Monopol der Geldproduktion aufzuheben. Wenn es einen Wettbewerb gäbe, würden die Marktteilnehmer eine Währung bevorzugen, die nicht beliebig manipuliert wird. Diese Währung würde sich durchsetzen. So würden die Leute etwa bei Papierwährungen von konservativen Notenbanken Zuflucht nehmen - wie in der Schweiz. Auch Edelmetalle als Währungen könnten wieder verwendet werden.

STANDARD: Und wenn diese Reform nicht gelingt?

Hülsmann: Dann bleibt die Rolle der Finanzmärkte in der Allokation von Kapital künstlich hoch, auf Kosten anderer Marktteilnehmer. Wenn der Kredit eine zentrale Rolle spielt, steigt die Abhängigkeit und die Verletzlichkeit von verschuldeten Unternehmen und Haushalten und damit die Krisenanfälligkeit. Die vermeintliche Phase der Beruhigung, die wir in den letzten 20 bis 30 Jahren hatten, wurde dadurch erkauft, dass das System insgesamt durch höhere Schulden fragiler wurde. Wir haben die Ruhephase vor dem großen Sturm genossen. Doch viel Kredit macht auch anfälliger für Schocks.

STANDARD: Rechnen Sie angesichts der jüngsten guten Nachrichten mit einem schnellen Ende der Krise?

Hülsmann: Zwei Probleme sind noch nicht gelöst. So ist die Staatsfinanzierung unsicher, denn die Steuereinnahmen werden sehr mager ausfallen. Zudem zieht die Finanzkrise noch immer weitere Kreise in der Realwirtschaft, der Welthandel ist noch deutlich niedriger als vor der Krise. Ich erwarte den Wendepunkt noch nicht 2009. Wenn wir Glück haben, geht es ab 2010 bergauf, aber wohl eher erst ab 2011 oder 2012. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.8.2009)

Zur Person

Guido Hülsmann (43) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Angers, Frankreich. Er ist Vertreter der Österreichischen Schule und auf Fragen der Geldtheorie und -politik spezialisiert.

  • Guido Hülsmann erkennt in der Geld-Produktion der Zentralbanken einen "perversen Anreiz für die Marktteilnehmer, sich auf die Zentralbank zu verlassen."
    foto: hülsmann

    Guido Hülsmann erkennt in der Geld-Produktion der Zentralbanken einen "perversen Anreiz für die Marktteilnehmer, sich auf die Zentralbank zu verlassen."

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