Moïse et Pharaon: Eine biblische Opernlesung

9. August 2009, 18:24
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Rossini-Premiere im Großen Festspielhaus: Regisseur Jürgen Flimm setzt auf trostloses Rampentheater, Dirigent Riccardo Muti auf philharmonischen Wohlklang

Salzburg - In dieser an fintenreichen strategischen Wendungen und Rückziehern nicht armen Salzburg-Ära von Jürgen Flimm gibt es natürlich schon etwas Konstantes. Da wäre zunächst das Unkonstante der Programmierung selbst - jene Sprunghaftigkeit in der Werkauswahl, der man alljährlich durch ein Motto (heuer: Das Spiel der Mächtigen) den Nimbus bewusster Gestaltung verleihen möchte. Unzweifelhaft gehört in die Abteilung "Kontinuität" aber auch Flimms Festhalten an Riccardo Muti als Operndirigenten, der auch die Salzburger Pfingstfestspiele betreut.

Dem Vorteil, mit Muti zweifellos einen kundigen und peniblen Musiker an Salzburg gebunden zu haben, steht jedoch der gewichtige Nachteil entgegen, mit dem italienischen Maestro einen Künstler zu beherbergen, der sich für szenische Lösungen (abseits eines erstarrten Theaters) so sehr interessiert wie Flimm für seinen Weiterverbleib in Salzburg ... Das bescherte den Festspielen mit Verdis Otello den Flop des Vorjahres.

Flimm springt ein

Und nachdem nun mit Rossinis Moïse et Pharaon die letzte Premiere des heurigen Sommers absolviert wurde (es folgen nur noch zwei Wiederaufnahmen), darf man bilanzierend festhalten, dass abermals unter Muti ein Gipfelpunkt der szenischen Trostlosigkeit erklommen wurde. Die Ironie dabei: Flimm sprang ein, nachdem sich die Ideen des engagierten Regisseurs angeblich als zu teuer erwiesen haben und wurde nun am Ende vom (heuer an sich sehr gnädigen) Publikum kräftig ausgebuht. Es legte somit der Regisseur dem Intendanten Flimm ein Ei.

Man will natürlich nicht unbedingt fordern, dass Regisseur Flimm dem Intendanten Flimm jetzt auch diesen einen symbolischen Euro zurückgibt, den er als Gage bezieht. Es ist ja in der Tat nicht leicht, diesen Vierakter zum Leben zu erwecken, der den Auszug der Hebräer aus Ägypten mit einer Liebesgeschichte verzahnt und nebst punktueller dramatischer Eleganz und Momenten klangmalerischer Poesie eher nur flach bis immerhin spritzig wirkt; wodurch die Musik mit dem brutalen Inhalten sehr oft kollidiert.

Flimms Konsequenz aus der Schwere der Aufgabe ist jedoch wenig berauschend: Als wäre ihm lieber gewesen, das Ganze würde nur konzertant stattfinden, lässt er ziemlich oft einfach den Vorhang fallen und Buchstaben auftreten, um zur Bibel-Lektüre zu ermuntern. So war hier nicht nur am Anfang das Wort, es war auch am Ende und dazwischen - und damit nicht genug: Um Intimität zwischen den und für die Figuren zu schaffen, gehen wiederum vielfach Vorhänge zu. Bis auf einen türgroßen Spalt. Doch will sich auch dadurch szenisch nichts verdichten.

Im Gegenteil: Gerade in jenen Augenblicken, da es um Individualisierung des Einzelnen statt um Massenorganisation geht, zeigt sich die Schwäche dieser Regiearbeit am deutlichsten. Nie kommt sie über eine Ansammlung abgestandener Operngesten hinaus; man wundert sich, dass die Sänger nicht im Stehen oder Sitzen einschlafen. Ein wild-eifersüchtiger Tenor (glänzend Eric Cutler als Amenophis) machte die Sache auch nicht lebendiger.

Das Rampentheater

Paradoxe Situation: Die Massen, die ganze Oper lang eingezwängt in einen hohen Zylinder (Bühnenbild: Ferdinand Wörgerbauer), wirkten bisweilen bewusster gestaltet als die Einzelfiguren. Und das soll etwas heißen, denn selbst in den vom Chor dominierten Szenen (vorzüglich der Staatsopernchor) bleibt vieles lethargisch und mündet bisweilen in pures Rampentheater der biedersten Sorte.

Dazwischen natürlich ein paar Effekte: Flimm arbeitet mit Licht, lässt ein bisschen Flammen werfen, positioniert die Israeliten ins Schtetl-Milieu und steckt den Pharao (solide Nicola Alaimo) samt Gefolgschaft in wallende Gewänder, lässt auch ein paar religiöse Handlungen vollführen. Es dominiert aber szenisches Erstarren nahe am Orchestergraben.

Immerhin waren teils sehr gute Stimmen zu hören: Zu nennen wären Ildar Abdrazakov (als Moïse) und vor allem Marina Rebeka (als Anai). Riccardo Muti - welch Wunder - betont die schönen und flockigen Aspekte der Partitur; die Philharmoniker folgen ihm willig auch bei der Ballettmusik, die wiederum eine Bibellesung zu begleiten hatte. Da es dabei um die zehn Plagen ging, die über Ägypten hereinbrachen und die Musik dazu etwas extrem Lustiges und extrem Unbeschwertes vermittelte, wird man diesen Augenblick als Symbol des grotesk-perfekten Widerspruchs in Erinnerung behalten. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 8. 2009)

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    Während sich Ägypter und Hebräer miteinander unterhalten, wird dem Publikum in Salzburg auch biblischer Lesestoff geboten. Wirklich belebend wirkte das auf die Inszenierung nicht.

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